Die Menschheit ist faul. Und ja – früher war alles besser. Da gab’s keinen Pauschal-Urlaub, wo einen der Flieger direkt am Strand ausspuckt. Da sind die Mods noch auf der Vespa oder der Lambretta in den Süden getuckert, hunderte von Kilometern nach Italien, oder zum Mod-Treffen nach England. Die Zeiten sind vorbei. Oder nicht?
Ein kleines Häuflein nimmermüder Verrückter hat sich den Spaß nicht verderben lassen. Gökhan Cölkusu (Foto links neben Raoul Wagner) und sein Team zum Beispiel. Im Mai erst haben sie im Frankfurter Ostend einen Laden für Freunde von alten Vespen eröffnet. Im Mainroller können Liebhaber restaurierte Roller ausleihen oder kaufen. Sie können sich sogar ein Wunschgefährt zusammen basteln lassen. Einen Scooter in Eintracht Frankfurt-Optik etwa, oder den Spiderman-Zweitakter. Und das beste: Das Team von Mainroller organisiert Vespa-Reisen durch Vietnam, auf Sardinien und durch die Toskana.
Was ein Mod ist, musste Cölkusu aber erst einmal herausfinden. Kunden haben ihm davon erzählt. „Ich wusste gar nichts damit anzufangen“, erzählt der 34-Jährige und lacht. Dann hat er sich den Film Quadrophenia angesehen, der auf dem gleichnamigen Konzeptalbum der Gruppe The Who basiert. Dort geht es um zwei rivalisierende Jugendkulturen – um die Vespa oder Lambretta fahrenden Mods und die auf Motorrädern brausenden Rocker.
Roller schlägt Taxi
Cölkusu hat weder mit der einen noch der anderen Gruppe Probleme. Zur Vespa ist er nicht aus alter Liebe gestoßen. Es ist eine ziemlich frische Beziehung. „Ich habe in Asien gearbeitet“, sagt er. In der Reisebranche. „Mit dem Taxi ist es da schwer, von A nach B zu kommen.“ Das hat ihn bewogen, auf den Roller umzusteigen. So wie 90 Prozent der Verkehrsteilnehmer.
Weil aber das Auge mitfährt, wählte er eine alte Vespa als Untersatz. Und war sofort Feuer und Flamme: „Die Optik, das Material, 95 Prozent der Vespa ist aus Metall.“ Und erst der Klang! „Es ist der Sound eines Zweitakters, wie er ursprünglicher nicht sein könnte“, schwärmt Cölkusu. Außerdem: manuell Schalten. Das geht auf Scootern neuerer Bauart nicht mehr. „Da muss man auf der Maschine ein bisschen arbeiten. Nicht einfach nur sich drauf setzen und Gas geben.“
Allerdings ist der wunderbare Untersatz auch gleich kaputt gegangen. Cölkusu ist aber keiner, der schnell aufgibt. Er hat sich einfach eine zweite Maschine gekauft. „Eine war immer einsatzbereit.“ Die andere in Reparatur. Die Freude am Fahren wollte er teilen. Warum nicht ein paar Freunde einladen und eine richtige Vespa-Tour durch Vietnam machen, mit 14 Maschinen über 1000 Kilometer zuckeln? Das hat er sich so gedacht.
Kurze Wege für Rollerfreunde
Klingt verrückt, hat aber funktioniert. Und Lust auf mehr gemacht. Besonders als der Frankfurter dann samt Fuhrpark in die alte Heimat zurückkehrte. „Ich wollte weiter fahren.“ Er hat aber niemanden für den technischen Support gefunden. Das hat ihn erstaunt. „In England, in Österreich, auch in Berlin, München oder Hamburg gibt es Riesen-Communities.“ Lauter Vespa-Verrückte, die sich treffen und basteln und fahren. „In Frankfurt geht da gar nichts.“ Obwohl die Stadt wegen ihrer Kompaktheit doch prädestiniert für Rollerfahrer sei. „Und abstellen kann man die auch überall.“ Also hat der studierte Maschinenbauer seinen eigenen Vespa-Laden aufgemacht. Dort können sich die Kunden ein schönes Gefährt kaufen. Noch cleverer ist es aber, sich einfach eine Vintage-Vespa auszuleihen. Das geht auch für eine ganze Saison. Ohne Stress mit der Pflege oder mit Reparaturen zu haben oder der Suche nach einem Stellplatz für den Winter.
Vespa-Reisen mit Dolce Vita
Vor allem sind die Scooter von Mainroller recht zuverlässig. „Das ist unsere Geschäftsphilosophie“, sagt Cölkusu. „Uns geht es in erster Linie um den Fahrspaß.“ Das Vierer-Team von Mainroller bestehe nicht aus dogmatischen Sammlern, die alles am Gefährt so ursprünglich wie möglich halten wollten. „Wenn was kaputt ist, dann wird es repariert“, sagt der Chef. Basta, auch wenn dann nicht mehr alle Teile original sind.
Das ist besonders wichtig für die großen Touren. Reisen mit Genuss sollen die sein. „Kein Hardcore-Biking. Viel Dolce Vita.“ Deswegen machen die Teilnehmer hier mal eine Weinprobe, dort mal einen Espresso-Stop. Zur Reisegruppe gehören auch ein Bus mit dem Gepäck an Bord und ein LKW voller Ersatzteile. Die Begleitfahrzeuge halten sich dezent im Hintergrund auf. Und womöglich haben die Hotels entlang der Route auch eine Bügel-Station. Damit der Mod von heut’am nächsten Tag mit frisch gestärktem Anzug auf den Roller steigen kann.

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