Ein normales Geschäft kann da nicht mithalten. Beim Online-Händler Amazon können Kunden sich alles bestellen. Das ist praktisch. Einkaufen, ohne das Haus verlassen zu müssen. Wirklich alles? Alles. Sogar Rechtsrock und den schicken Thor Steinar-Pulli.
Darauf hat das Netzwerk Laut gegen Nazis hingewiesen. Man muss sagen: Mal wieder hingewiesen. Bei Amazon sind schon öfter dubiose Dinge über den Ladentisch gegangen. Immerhin hat der größte Onlinehändler aller Zeiten mittlerweile die Waren des Deutsche Stimme-Verlags aus dem Programm genommen. Beim offiziellen Parteiorgan der NPD gibt’s nämlich die wirklich ekligen Dinge zu kaufen – bis 2009 auch über Amazon.
Das ist Geschichte. Musik der einschlägig bekannten Gruppen “Endstufe” oder “Noie Werte” finden sich aber immer noch in den Regalen des Amazon-Lagers. “Stehst Du zu Deinem Land?”, fragen die Herren von Noie Werte unter anderem in ihrem Lied “Wir”. Ja, können wir darauf antworten. Unser Land ist aber ein schönes Land der Dichter und Denker – und der Toleranz? Mit der Toleranz kommt der denkende Mensch leider schneller in Konflikt als ihm lieb ist. Muss ich wirklich jeden Rotz tolerieren? Muss ein Musikgeschäft Propaganda-Ware wirklich feilbieten? Könnten die Amazonen nicht einfach sagen: “Sorry, den Ramsch wolle mer net”? Eine entsprechende Anfrage von “Laut gegen Nazis” beantwortet Amazon wie folgt:
Die beanstandeten Buchtitel werden von Drittanbietern auf unserer Marketplace- Plattform angeboten, aber von Amazon.de in keiner Weise gefördert. Diese Titel sind in Deutschland nicht indiziert. Ausschlaggebend ist für uns die Einschätzung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften.
Diesen Ansatz kann man selbstverständlich kontrovers diskutieren! Unser Credo ist es jedoch, unseren Kunden die größtmögliche Auswahl an verschiedenen Titeln bereitzustellen. Aus diesem Grund bieten wir Artikel an, die auf dem deutschen Markt frei erhältlich sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir mit dort formulierten Meinungen sympathisieren oder die Aussagen unterstützen! Wenn Sie ein wenig in unserem Katalog blättern, werden Sie dort auf eine große Vielzahl von Büchern und sonstigen Medien zu allen erdenklichen politischen und weltanschaulichen Richtungen stoßen – denn genau diese Vielfalt im Angebot an unsere mündigen Kunden sehen wir als unsere Stärke.
Kleiner Gedankengang zum Stichwort “mündig”
Also gut, der mündige Kunde entscheidet. Der Thor Steinar-Krempel stört ja keinen. Das Textil als nordische Marke zu verkaufen ist eh’ albern. Hinter dem Label stecken arabische Investoren, obendrein lässt der verantwortliche Betrieb Mediatex in Billiglohnländern produzieren. Der nordische Nazi läuft also in Klamotten rum, die sonstwo zusammen genäht sind. Stichwort: Die Sonstwos nehmen den deutschen Nähern die Arbeitsplätze weg.
Aber dumpfe Parolen von rechten Rockbands müssen ja nun wirklich nicht sein. Oder doch? Darf Amazon alles anbieten, was nicht illegal ist? Muss der Händler nicht dafür Sorge tragen, dass kein menschenfeindliches Gedankengut über seine Shopping-Kanäle läuft? Und was hat das alles eigentlich mit Yul Brynner zu tun? Na, zumindest die letzte Frage ist leicht zu beantworten. Es sang einst die Gruppe Toy Dolls:
Yul Brynner was a skinhead, they said on the news,
but I’ve never seen Yul Brynner wearing Doctor Martens shoes.
Soll heißen: Nicht jeder Glatzkopf ist ein Skinhead. Ohnehin ist ja auch nicht jeder Skinhead ein rechter Nazi-Skin. Gibt ja auch linke Skins. Und – das ist jetzt eher gewagt – Nazis sind auch Menschen. Das wiederum bedeutet: Der Slogan “Nazis raus” greift zu kurz – wenn man wirkungsvoll gegen Rechtsextremismus angehen möchte. Da gilt es, Aufklärung zu betreiben, den Dialog (Die FDP spricht ja auch mit den Taliban) zu suchen, aber auch die Hetzer an ihrem Treiben zu hindern. Besonders junge Menschen rutschen ja gerne mal in merkwürdige Szenen hinein – zum Beispiel über die Musik.
Und da kommt wieder Amazon ins Spiel. Ob ein solcher orientierungsloser junger Mensch der “mündige Kunde” ist, den der Handelsriese als Blaupause für seine Kundschaft wähnt, steht zu bezweifeln. Deswegen: Ja zur Zensur.
The Toy Dolls – Yul Brynner was a skinhead

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