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Studio mit Gebläse

Studio No. 1 aus Wiesbaden bewiesen am Freitagabend, das man sich auch als Disco-Funk-lastige Band ins Halbfinale spielen kann – auch wenn der Wettbewerb ja Hessen Rockt heißt. Dieses Thema gehört ja ohnehin zu meinen Lieblingsdiskussionen, da ich gleich nach der Urteilsverkündung angesprochen wurde, warum denn eine Band, die keinen Rock spielt bei Hessen Rockt gewinnen kann.

Dazu ein kleines Plädoyer am Rande: Erstens, was ist eigentlich Rock? Der Englisch-Duden wird uns dazu zunächst die schlichte Auskunft “ein Felsen” geben. Natürlich ist Rock auch eine Musikrichtung. Nur wer macht eigentlich Rock? Ist Deep Purple Rock, weil anno 1970 ein Album namens “In Rock” veröffentlicht haben? Und ist Rock nicht irgendwie auch Blues? Joe Bonamassas aktuelle Scheibe heißt schließlich auch “Black Rock”. Oder haben etwa solche furchtbare Bands wie die Stillfreunde Sportler den Begriff für sich gepachtet, indem sie einen Chancentod mit spanischem Akzent in ihr Video holen und ein etwas peinlich berührtes “Ich roque” in die Kamera sagen lassen?

Nur um jetzt mal mit Extrembeispielen zu arbeiten – eine Grenze lässt sich da nur schwer ziehen. Aus diesem Grund rockt ja heute auch jeder Golfspielerclub in Frankfurt. Warum? Weil sie’s können! Weil der Begriff “Rock” heute derartig breit gestreut ist, dass – leider – kein Mensch mehr weiß, was Rock eigentlich ist. Vielleicht sollte man im Stile des “We will Rock You”-Musicals einfach mal auf die Suche nach der verschollenen Gitarre gehen und sämtliche Gaga-Girls auf den Mond schießen – aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls, Studio No. 1. Geile Band. Auch wenn sie per Definition keinen Rock, aber dafür extrem viel Bock machen. Mando Diaos “Dance with somebody” eignet sich hervorragend für eine solche Band. Das gleiche Gefühl konnte man auch mit einem extrem authentisch gesungenen “Just Dance” von Jamiroquai rüberbringen. Sah man sich im Saal um, konnte man feststellen, dass fast jeder zumindest mit dem Bein wippte – ein gutes Zeichen. Doch Studio No. 1 hatten nicht nur tanzbare Songs auf dem Programm. Mit U2s “One” schlugen sie plötzlich eine ganz andere Richtung ein und demonstrierten damit, dass sie mehr können als die standardmäßige Disco-Tanzmucke.

Damit hatte die erste Band des Abends, Not Quite Dead, ohnehin so gar nichts am Hut. Sie eröffneten mit “Long Forgotten Sons” von Rise Against, einem wirklich gut gewählten Opener, der ordentlich nach vorne geht, ohne das Publikum zu überfordern. Darauf folgte, ebenfalls gut gewählt, “The Best of You” von den Foo Fighters. Man merkte schon, dass Not Quite Dead wiederum eine sehr moderne Auffassung von Rockmusik haben. Die älteste Nummer des Sets war eine Rockversion von “Sunglasses at Night”. Man konnte allerdings feststellen, dass das Zusammenspiel – verglichen mit den Hawaii Headhunters – noch etwas unausgegoren war. Bei Kings of Leon täte etwas Delay in der Gitarre gut, da die Nummer sonst etwas an Flair verliert. Aber das sind Details, die ich jetzt nur mal als Beispiel anführe. Gesanglich war das im Übrigen gut gelöst.

Band Nummer zwei entführte uns zurück in die Siebziger, Achtziger und Neunziger. Da wollte ich ja schon immer mal wieder hin. Los ging’s mit einem Hammondorgel-geschwängerten “Born to be Wild”. Wo ist eigentlich mein Motorrad? Bei dieser Nummer haben wohl schon viele Menschen ihre Religion verloren. Aus diesem Grund haben Flashback wahrscheinlich auch “Loosing my Religion” von REM nachgelegt. Ohne Mandoline klingt der Song für mich allerdings nur halb so gut. Gut fand ich den Pink-Panther-Ausritt in Gary Moores “Walking By Myself”. Plötzlich war Stimmung im Saal. Oder gibt es irgendwen der Chuck Berrys “Johnnny B. Good” nicht kennt? Dieser Song ist übrigens meiner Meinung nach die Geburtsstunde des Rock, da reiner Blues ja eigentlich melancholisch ist und deshalb niemals so klingt. Ähnliches könnte man aber auch für Bill Haileys “Rock around the clock” behaupten. Egal. Jedenfalls sind Flashback eine Rockband. Wobei “Loosing my Religion” ja eigentlich kein Rock ist… Ach egal, wie ihr merkt, wir kommen mit dieser Kategorisierung sowieso nicht weiter.

Und wenn im Rind eine Rockband gespielt hat, dann sind das sowieso die Hawaii Headhunters. Was für ein Posing, was für eine Setauswahl. Manche Songs sind so selten,  dass selbst die urhebenden Bands erst mal in ihrem Songkatalog hätten blättern müssen. Nightranger, Stage Dolls? Da muss man echt tief in die Rockarchiven kramen und sich im Zweifelsfall an ältere Kinder der Siebziger und Achtziger wenden. Wobei die Songs der absolute Hammer sind. Die Hawaii Headhunters spielen durchweg unbekannte Sachen. Niemals würden sie kommerziellen Kram spielen. Sie stehen zu ihren Prinzipien und tun gleichzeitig noch etwas für die musikalische Aufklärung. Natürlich ist es immer so eine Sache, wenn man Songs spielt, die kaum jemand kennt. Die einen werden es danken und auf die Knie fallen vor Glück, dass solch ein Song mal wieder gespielt wird. Der Durchschnittsmusikkonsument wird allerdings mit einigen Fragezeichen zurückbleiben. Geht man nach musikalischen Gesichtspunkten, kann man das Zeug einfach nicht besser machen. Gesang eins, Gitarre eins, Rest eins. Da stand eine richtige, eingespielte Band auf der Bühne. Die ein oder andere bekanntere Auf-den-Punkt-Nummer hätte dem Set aber bestimmt gut getan. Vielleicht hätte  “Every Rose has its Thorn”, das beim Soundcheck gespielt wurde, ja nochwas gerissen.

 

Basti | 23. February 2012, 16:30

@Onkel Lü: Scheues Reh, Zivi????? Ist mit dir alles in Ordnung???!!! :D

Jeronimo | 24. February 2012, 07:16

Ich weiß, ich weiß WTF, aber den begehrten Jubel-Sektor “Mainstream“ müssen sich schon so viele teilen. Was hältst Du von diesem alljährlichen hessischen Rockevent?
http://www.burgherzberg-festival.de/

Basti | 24. February 2012, 10:47

Jawoll, das hessische Woodstock. :-) Das kennt man doch. Haben da nicht auch mal Tito & Tarantula gespielt? Deswegen wollte ich da eigentlich hin, habe aber keine Karten mehr ergattern können.

Jeronimo | 24. February 2012, 12:15

Dann aber schnell Tickets bestellen, Tito & Tarantula sind dieses Jahr wieder dabei (allerdings ohne Selma Hayek). Mich triffst Du wahrscheinlich bei Kamchatka. Und schau mal, wer 2002 beim Line-Up dabei war:-)

Basti | 24. February 2012, 13:14

Oh, ich seh’s gerade. Wobei mich Kollege Anderson mit Jethro Tull fast noch mehr reizen würde. 2002 war eine Band namens Jeronimo im Line-Up. Warst du das? :D

Jeronimo | 25. February 2012, 09:14

Ja, Jethro Tull ist immer wieder sehenswert. Ian Anderson spielt das Programm schon seit Jahrzehnten erfolgreich, wobei er sogar dieselben Witze macht wie vor 40 Jahren. (… “a very old song, even much older than Martin Barre“, wenn er Bouree‘ ankündigt). Von den “alten Säcken” interessiert mich auch Wishbone Ash, die es quasi in zwei Formationen gibt, und die ich bislang nach den Zeiten der Urbesetzung nur in der Martin Turner Ausgabe gehen habe. Ansonsten: Heya, 4 Tage Spaß für einen Preis, den man sonst schon für einen Top-Act hinlegen muss.

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