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Rios Hütte unterm Hammer

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Das Rio-Reiser-Haus in Fresenhagen ist schon einmal nur knapp der Zwangsversteigerung entkommen. Nun verliert die 68er-Generation womöglich doch eine ihrer wichtigsten Pilgerstätten: Das geschichtsträchtige Domizil im nordfriesischen Fresenhagen steht zum Verkauf. Der “König von Deutschland”, zu dem sich Reiser in einem seiner Lieder machen wollte, lebte und arbeitete dort bis zu seinem Tod 1996. Reisers Brüder können das Kulturzentrum nicht mehr unterhalten – nun soll das denkmalgeschützte Reetdachhaus für 450 000 Euro den Besitzer wechseln. Die sterblichen Überreste Reisers, der im Garten beerdigt wurde, sollen nach Berlin umgebettet werden.

“Künstlerdomizil in einem reetgedeckten Friesenhof in ruhiger Alleinlage mit großzügigem Grundstück”, lautet die druckfrische Offerte eines örtlichen Maklers. Es liegt ein paar Minuten abseits der Bundesstraße 199 in Richtung der Ferienparadiese Sylt, Föhr und Amrum. Dort in Fresenhagen lebte Rio Reiser – bürgerlich: Ralph Christian Möbius – mit seiner Band Ton Steine Scherben (“Keine Macht für Niemand”) ab 1975 in einer Art Landkommune. Dort schrieb er Hits wie “Junimond” oder “Alles Lüge”. Und dort starb der Miterfinder des Deutsch-Rocks 1996 an einem heißen Augusttag nach einem Herz-Kreislauf-Kollaps im Alter von nur 46 Jahren.

Magischer Pilgerort

Sein Geist lebt weiter im äußerlich unveränderten Rio-Reiser-Haus, das heute Museum, Tonstudio, Gedenkstätte, Konzertsaal, Pension und Café in einem ist. Hinten im Garten, direkt vor Rios Arbeitszimmer, durfte seine Familie ihn beerdigen – für Tausende Fans jedes Jahr ein magischer Pilgerort. Ebenso wie Rios Gitarre, eine abgelederte, rote Fender Stratocaster, die im schwarz dekorierten Museum in der Vitrine steht. Rockgrößen wie Nina Hagen und Bands wie Einstürzende Neubauten nahmen nach Reisers Tod ihre Songs in Fresenhagen auf. Am 9. Januar wäre der sozialkritische Sänger 60 geworden – seine Fans feierten den Tag mit einem Konzert in der Fresenhagener Konzertscheune.

“Für unsere Familie ist es nicht mehr möglich, das Haus mit den Einnahmen weiter finanziell zu tragen”, sagte Peter Möbius, der älteste Bruder von Rio Reiser, schweren Herzens der FR. “Wir haben vorher versucht, den Kreis Nordfriesland und das Land Schleswig-Holstein für eine Weiterführung des Rio-Reiser-Hauses zu gewinnen. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen haben wir persönlich angeschrieben – aber leider nur Absagen erhalten”, sagte der 69-jährige Theaterautor Möbius enttäuscht. Auch Rockgrößen und Weggefährten von einst hätten sich bisher nicht mit Hilfsangeboten gemeldet.

Der Käufer der Immobilie (884 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche auf einem 26500-Quadratmeter-Grundstück) wird allerdings auf die privaten Dinge von Rio Reiser verzichten müssen: Alle Erinnerungsstücke wie das original erhaltene Arbeitszimmer und die Devotionalien sollen an die Ton-Steine-Scherben-Sammlung in Berlin-Kreuzberg gehen. “Wir wollen Rio umbetten und auf dem Matthäi-Friedhof in Berlin beerdigen lassen. In der Kirche nebenan war er getauft worden”, sagte Peter Möbius, der den Nachlass mit dem dritten Bruder Gert Möbius verwaltet.

Wenn sich aber in letzter Minute doch noch jemand finden sollte, der Fresenhagen mit der Familie Möbius erhält – die Erben wären alles andere als traurig. Mit diesem Fünkchen Hoffnung bleibt die Pilgerstätte für Fans und Nostalgiker bis auf weiteres geöffnet.

Keine Macht für niemand

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