Liebe Freunde, ich hätte da mal ein Problem. Ich soll doch eigentlich alle auf dem laufenden halten. Mit einer wöchentlichen Dokusoap aus den Reihen des Hessen Rockt-Teams. Rock’n'Roll-Grundschul’ haben wir das getauft. Aber ich finde meine Videokamera nicht mehr.
PANIK.
Verdammt. Irgendwo muss das Teil doch sein. Ich mach’ mich mal auf die Suche. Viola? Viooola? Keine Reaktion. Frau Hacker nimmt einen wichtigen Anruf entgegen. Da kann man stören wie man will, das hört die gar nicht. Wenigstens hat sie ihr Namensschildchen auf den Tisch gestellt. Meine George-Flasche finde ich auch seit Tagen nicht mehr.
Hmh. Nächster Versuch.Vielleicht weiss Arne Bescheid. Der weiss doch sonst immer alles. In vier Jahren Hessen Rockt hat der Mann so einiges gesehen. Aber Herr Löffel lächelt nur weise. “Die taucht schon wieder auf”, sagt er dann und schenkt mir einen Zen-Blick. So entspannt und gelassen wäre ich auch gerne mal. Das hat er sich aus Fernost abgeschaut, so viel sei verraten.
Probier’ ich es doch einfach nochmal bei Viola. Telefoniert. Verdammt. Langsam werde ich nervös. Weit und breit keine Video-Cam zu sehen. Das ist aber auch die Tücke der Moderne. Die doofen Elektrogeräte werden immer kleiner. Deswegen findet man die auch immer schwerer. Ein Handy könnte ich wenigstens anklingeln. Aber die Cam? Vielleicht haben die Kollegen nebenan was gesehen.
Hoppla. Falscher Zeitpunkt. Im Marketing kann es zuweilen ruppig zugehen. Eigentlich sind die Damen ganz nett. Wenn ich mit Nicole (links) über Veranstaltungs-Kooperationen rede, ist sie immer superfreundlich. Auch Kerstin 1 (rechts) hat mir mit Engelsgeduld einen Hessen Rockt-Werbeplan entwickelt. Aber wenn ich die beiden mal wirklich brauche, lassen sie mich im Stich. “Deine Kamera kann mich ma”, schimpft die eine. Die andere sagt: “Hört wenigstens das blöde Gefilme auf.”
Ja ja. Die Kolleginnen. Wie sagt der Stromberg aus dem Fernsehen so schön? “Ich gucke auch ab und zu in diese Frauenzeitschriften. Brigitte und wie die alle heißen. Nur um zu sehen, wie ticken die eigentlich, die Weiber…” Ich dagegen halte mich einfach an die Praktikanten und freien Mitarbeiter. Das sind noch wohlerzogene und höfliche Lasttiere Mitstreiter.
Sind sie nicht süß? Unser Basti. Fleißig und bodenständig. Zumindest so lange er die Haarpracht im Zopf bändigt. Wenn er die Mähne wallen lässt, sollte man eher Siherheitsabstand wahren. Oder die Alessa. Auch sie trägt Zopf. Niemand kann sagen was passiert, wenn sie den öffnet. Ist bislang noch nicht erforscht. 
Und die Maxi. Nanu? Wo ist die denn eigentlich? Hab’ ich die nicht irgendwo hier gesehen? Naja. Taucht schon wieder auf. Ich muss jetzt auch sowieso hoch zum Chef. Er will Zahlen sehen. Verdammt. Wo krieg’ ich denn jetzt Zahlen her? Was ist das heute überhaupt schon wieder für ein Scheiß-Tag? Schnell male ich ein paar besonders schöne Zahlen auf ein Blatt. Es funktioniert. Chef zeigt sich interessiert. 
Vielleicht denkt er aber nur schon intensiv über einen Nachfolger für mich nach. Wenn ich doch bloß meine Kamera hätte. Dann könnte ich ihn im Interview festnageln. Ich muss mich jetzt zusammenreissen und sortieren. Wo habe ich die Kamera als letztes gesehen? Gedankenverloren schweifen meine Blicke aus dem Chefzimmer zum Horizont. 
Zwei Stunden später wache ich auf. Chef ist längst gegangen. Ich vergleiche meine Uhr und seinen Terminplan. Aha. Meeting in Raum soundso. Ich eile zurück zu Viola. Viola, hast Du meine Kamera gesehen? Aber Viola telefoniert und wimmelt mich mit einem charmanten Lächeln ab. Wie können Frauen eigentlich so viel telefonieren? 
Ich glaube, ich frage mal die Kollegen in der Redaktion. Schließlich arbeite ich ja bei einer Zeitung. Da gibt es investigativen Journalismus an jeder Büro-Ecke. Und wenn die Skandale aufdecken können, dann spüren die bestimmt auch Elektrogeräte auf. Gemütlich lehne ich mich übers Geländer der Brücke über den großen Newsroom. Alle mal herhören, rufe ich. Keiner hört her. Irgendein Skandal scheint wichtiger. 
Nur Thomas Stillbauer ignoriert mich nicht komplett. Allerdings kann ich mit seinen Gesten nicht viel anfangen. Hat er im Lotto gewonnen? Hat er meinen Camcorder auf dem Flohmarkt gewinnbringend verkauft? Dem Stillbauer traue ich alles zu. Der spielt nämlich Bass in einer Band. Und Bassisten sind die Allerschlimmsten. Brummen immer so friedlich vor sich hin, haben’s aber faustdick hinter den Ohren. 
Aber das Stichwort “verkaufen” bringt mich auf eine eine neue Fährte. Vielleicht haben die Macherinnen des Hessenshops ja einen Hinweis für mich. Schnäppchen und Sonderangebote haben sie ja auch immer. Katja? Kerstin? Irgendwie fühle ich mich nicht ernst genommen. Vielleicht schlafe ich ja auch noch und das ist alles nur ein böser Traum. Viola, zwick’ mich doch mal bitte. Aua. Nicht so fest. 
Also ganz ehrlich? Ich gebe auf. Ich habe jetzt alles abgesucht und jeden in der Abteilung befragt. Dann filme ich halt nix mehr. Es gibt ja auch andere schöne Tätigkeiten. Bald ist sowieso Feierabend. Dann setze ich mich in eine Ecke und starre die Wand an. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Hoffentlich ist bald Samstag. Samstag sind wir im Hüttenwerk und hören gute Musik. 
Ach Hallo Maxi. Da bist Du ja. WAS? Du hast meine Kamera? Frechdachs. Natürlich hast Du meine Kamera. Du filmst ja jedes Hessen Rockt-Konzert. Na, dann ist ja alles in Ordnung. Da kann ich ja jetzt beruhigt Feierabend machen. Was man net im Kopp hat, hat mer in de Füß.
Ihr habt eine Folge verpasst? Kein Problem:


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