Dezember 2009 steht auf dem David-Beckham-Kalenderblatt, das an der schmutzig-weißen Wand neben dem Lichtschalter hängt. Das Jahr ist schon lange vorbei, doch das Blatt bleibt. Denn zu den unzähligen Tattoos trägt Beckham ein schwarzes Muskelshirt, eng anliegend, leicht durchsichtig. Ein Muskelshirt von Zimmerli.
Nein, man habe nichts gezahlt, sagt Walter Borner, Geschäftsführer des Schweizer Unterwäscheherstellers. “Solche Stars als Werbeträger können wir nicht bezahlen.” Borner steht neben dem leicht vergilbten Beckham, in einem Raum, der für ein Zimmer zu groß, für eine Produktionshalle aber zu klein wirkt. Aus 20 Nähmaschinen flitzen kleine Nadeln über feinen Stoff, Borner muss sich Mühe geben, verstanden zu werden. Die Frauen vor den Nähmaschinen mit den Kopfhörern im Ohr, beachten ihn nicht. Etwa 1300 Teile werden hier am Tag produziert, 60 Prozent davon für Herren. “Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir können”, sagt Borner. “Damen-BHs können wir nicht.”
Kampagnen, TV-Spots, Werbung in Hochglanzmagazinen – all das kann sich das 40-Mann-Unternehmen aus der Schweiz nicht leisten. Praktisch, dass etliche Kinostars kostenlos in Zimmerli-Wäsche auf der Leinwand zu sehen sind. “Ehrlich gesagt wissen wir auch nicht so genau, wie das entstanden ist”, sagt Borner. Sylvester Stallone sei wohl der erste gewesen, der im Schweizer Feinripp vor der Kamera umherjoggte, als Boxer Rocky Balboa.
Dann muss es sich in Hollywood herumgesprochen haben, dass “the world’s finest underwear”, so der Zimmerli-Werbespruch, aus der Schweiz kommt. Mel Gibson hat im alpenländischem Shirt herausgefunden, “Was Frauen wollen”, Keanu Reaves jagte der “Matrix” nach, Jamie Fox verkörperte Ray Charles, aktuell umspannt das Modell “Richelieu” den muskulösen Körper von Hugh Jackman in “Wolverine” (Foto oben).
Wichtigster Absatzmarkt neben der Schweiz: der Mittlere Osten
Viel Glamour für ein Unternehmen, das sich selbst keinen leistet. Die kleine Schneiderei liegt in einem unauffälligen weißen Gebäude in Coldrerio, einem 3000-Seelen-Dorf im südlichsten Zipfel der Schweiz. Mitten zwischen schneebedeckten Gipfeln, Weinbergen und Palmen. Von hier beliefert Zimmerli das zentrale Lager im italienischen Aarburg, von dort wird in 55 Länder exportiert. Wichtigster Absatzmarkt ist neben der Schweiz der Mittlere Osten. Ein paar Kilometer von der Schneiderei entfernt werden in einem alten Fabrikgebäude die Stoffe produziert und zugeschnitten.
Repräsentative Gebäude sind Borner nicht wichtig. “Unsere Produkte brauchen eine Seele”, sagt er und lächelt verzückt. Diese entsteht seiner Meinung nach durch hochwertige Materialien und fähige Mitarbeiter. Und ergänzt: “Motivation kann man sich nicht kaufen. Die Leute müssen mit dem Produkt glücklich sein.” Das Befinden seiner Arbeiterinnen leitet er aus der Fluktuationsrate ab: Die liege bei null.
Preislich spielt Zimmerli mit etwa 30 Euro für eine Unterhose und Hemdchen ab 50 Euro in einer Liga mit Calvin Klein oder Armani. Qualitativ sieht sich das Unternehmen aber in einer anderen Klasse. “Unsere Unterhose hat drei Mal so viele Nähte wie eine von Calvin Klein”, sagt Borner. Hinzu kämen die feinen Materialien wie Cashmere-Seide und Lambswool. Und dann die Handarbeit. Beim Rundgang durch die Näherei schlägt Borner mehrfach die Hände über dem Kopf zusammen. “Das müssen Sie sich mal vorstellen”, ruft er, “was das alles kostet.” Jede Naht wird von Hand gemacht, eine Boxershort besteht aus 18 Arbeitsschritten vom Schnittmuster bis zur Endabnahme – etwa 20 Minuten sitzen die Näherinnen an einem aufwändigen Teil. “Was das alles kostet!”
Die meisten Konkurrenten sind von hier verschwunden. 1970 bestand die Schweizer Textilindustrie noch aus 1800 Betrieben mit 111.000 Mitarbeitern, heute sind noch 250 Firmen übrig, mit 15.000 Mitarbeitern. Für Walter Borner ist der Zusatz “Made in Switzerland” ein Qualitätszeichen, das er nicht verlieren will. Durch die Abwanderung der Konkurrenz ist die Situation nicht etwa leichter geworden. “Unsere Zulieferfirmen sterben aus”, klagt Borner. In der Zuschneiderei steht eine 40 Jahre alte Maschine, für die es keine Ersatzteile mehr gibt, und es werde immer schwerer, Qualitätslieferanten zu finden. Doch Zimmerli will in Coldrerio bleiben. “Sonst verzeihen uns die Kunden das nicht”, sagt Borner.
Die Geschichte eines Kunden erzählt er besonders gerne, es ist die von Donald Sutherland. Während eines Drehs in Ungarn soll der Schauspieler in der Geschäftsstelle angerufen haben, um zu fragen, wo der nächste Zimmerli-Laden sei. Die Antwort: In Wien. Sutherland habe sofort einen Boten dorthin geschickt.

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