Gelnhausen wehrt sich. Für Samstag, 5. September, um 9 Uhr morgens, hat die NPD einen Infostand angemeldet. Die Stadt hat den zwar untersagt, aber in solchen Fällen entscheiden Verfassungsgerichte gerne zugunsten des Rechts auf freie Meinungsäußerung. Also zu Ungunsten von Anstand und Gewaltprävention. Und weil die Rechten gegen das Standverbot bereits Klage einreichten, haben die demokratischen Kräfte in der Stadt Gelnhausen sich etwas neues einfallen lassen: Sie feiern direkt vor dem Infostand den ganzen Tag über ein fettes Rockfestival.
Nun, einen gewissen Sicherheitsabstand wird es natürlich geben zwischen der Bühne und den Braunen. Schließlich sind auch alle anderen Parteien mit Infoständen vertreten, um Flagge zu zeigen. Die Polit-Ecke soll im Eingangsbereich des Festivals liegen. Ab 9 Uhr wird’s laut. Mit dabei: Hessenrocker Paul Pock und seine Band Lentil dish. Pock wechselt zwar seine T-Shirts nicht allzu oft, wie er kürzlich der Hessen Rockt-Community verraten hat. Gegen den Schmutz von rechts reagiert er dafür umso allergischer. „Die Scheiße hatten wir schon einmal“, sagt er unverblümt. Heute sei es in der Region schlimm genug, „das darf nicht schlimmer werden.”
Tatsächlich blicken die Demokraten rund um Gelnhausen derzeit recht sorgenvoll aus der Wäsche. Donnerstag vor zwei Wochen sind die Pläne der NPD durchgesickert: Einen großnationalen Aktionstag will die Partei auf die Beine stellen. Dem Infostand soll nachmittags in der Zehntscheune eine Podiumsdiskussion folgen, zu der die Vertreter aller Parteien geladen sind. Anschließend feiern die Braunen Kameradschaftsabend – im geschlossenen Kreis versteht sich.
Rückkehr der Zombies
Bei dieser Vorstellung kann es einem durchaus schlecht werden. Die Aktion hat Symbolcharakter. Gelnhausen machten die Nazi-Schergen in der NS-Diktatur zur ersten judenfreien Stadt Deutschlands. Damals gab es keine nennenswerte Proteste. Nun, manche lernen aus der Geschichte, manche nicht. Umso entsetzter waren Erstere, als die NPD 1993 aus der Versenkung auftauchte und acht Prozent der Wählerstimmen in Gelnhausen errang.
Das Unglück währte nur eine Legislaturperiode, dann folgte das nächste: die Republikaner. Die sind bei der folgenden Wahl aber nicht mehr angetreten. Grund sich zurückzulehnen ist das nicht. Nun möchte die NPD 2011 wieder in Stadtparlament und Kreistag einziehen. Ehrgeizige Pläne, aber realistisch. „In der Wetterau haben die das schon umgesetzt“, sagt Alexander Schopbach. Das Wählerpotenzial sei auch im Main-Knizig-Kreis vorhanden.
Eine Stadt steht auf
Schopbach ist Redaktionsleiter beim Gelnhäuser Tageblatt. Er hat die Pressearbeit und einige Aufgaben mehr für das Rockfestival übernommen. So trist der Anlass ist, das Event erfüllt ihn dennoch mit einem gewissen Stolz. „In der Kürze der Zeit haben wir ganz schön was auf die Beine gestellt“, sagt er. Unter dem Motto „Eine Stadt steht auf für mehr Toleranz und Demokratie“ sollen von morgens an mindestens 1000 Leute auf der Müllerwiese friedlich feiern. Es spielen größtenteils lokale Heroen. Zum Beispiel die Hessenrocker von The Hound Dogs und SixSixFour. Gäste von überregionalem Bekanntheitsgrad sind Peilomat und Krüger Rockt. Headliner ist die lokale Metalband Eqalunique. „Die haben schon immer Flagge gezeigt gegen Rechts“, sagt Schopbach. Alle Gruppen treten ohne Gage auf.
Die Stadt hat inzwischen den Mietvertrag für die Zehntscheune gekündigt und hofft, dass die NPD so wenigstens ihren braunen Abend absagen muss. „Die Chancen stehen gut, dass das Fest dort nicht stattfindet“, sagt Schopbach. Den Infostand werden die Gelnhäuser wohl ertragen müssen. „Unsere Hoffnung war, dass die NPD zurückschrickt, wenn sie die breite Gegenbewegung sieht“, sagt Schopbach. Die Hoffnung hat sich aber eingetrübt. Die NPD hat schon frech die nächsten vier Termine angemeldet. Zum Beispiel einen Erfrischungsstand beim Radlersonntag Kinzigtal.

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