Massenpanik auf der Love Parade in Duisburg – 19 Menschen lassen ihr Leben. Ein Aufschrei geht durch Deutschland. “Wie konnte das nur passieren?” Was am Samstag um ca. 17 Uhr im Tunnel an der Karl-Lehr-Straße passierte, ist so unfassbar, dass es schon fast surreal wirkt. Eine 200 Meter lange Röhre, durch die mal eben 1,5 Millionen Menschen (so die Schätzungen) geschleust werden sollen. Sie fungierte als der einzige Eingang. Und um dem Fass den Boden auszuschlagen, auch der einzige Ausgang. Ein Tunnel, der von seinen Dimensionen her eher eine Unterführung ist. Nicht mehr und nicht weniger. Besondere Kennzeichen: Zwei Ausgänge vorne und hinten, sonst nichts. Wer in der Menge steckt, hat genau diese zwei Möglichkeiten um sein Leben zu retten.
Das Recht des Stärkeren
Viel zu viele Menschen befinden sich im Tunnel. Ein unvorstellbares Gedränge, indem in Panik geratene Menschen sprichwörtlich “zum Tier” werden. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren, ganz wie in der Tierwelt. Wer fällt verliert. Wer nicht standhält, wird zerquetscht oder einfach niedergerannt. Niedergerannt von der tausendfachen Kraft einer drängenden Masse, die so stark ist, dass sich selbst Eisenträger verbiegen. “Ich hatte Angst zu sterben. 200.000 von vorne, 200.000 von hinten. Dort wo die aufeinandertreffen, gibt es kein entkommen”, so ein Raver im Interview mit Spiegel TV. Er vermisst noch einen Kollegen. Der 17-jährige Dustin sagt mit tonloser Stimme: “Neben mir ist ein Mädchen gestorben.”
Todesfalle Eisentreppe
Einzige Fluchtmöglichkeit vor Ort: Eine nach oben führende Eisentreppe. Hier zogen beherzte Männer panisch strampelnde Raver nach oben. Nicht alle hatten Glück. Viele stürzten ab und konnten von den Rettungskräften nur noch tot geborgen werden. Auf Grund der Unpassierbarkeit des Tunnels, gab es auch für Sanitäter kein Durchkommen. Viele Opfer sind bereits eine viertel Stunde tot, als die ersten Krankenwagen eintreffen. Die Notausgänge öffneten sich laut Spiegel TV erst eine halbe Stunde nach Ausbruch der Panik. Währenddessen tobte 100 Meter weiter die Party. Die Organisatoren hatten aus Angst vor einer kompletten Eskalation eine Nachrichtensperre verhängt. Aus Veranstaltersicht absolut nachvollziehbar, aus moralischer Sicht jedoch extrem makaber.
Spiegel TV-Bericht vom 25.07.2010
Augenzeugen im Interview
Wer hat schuld?
Nach einer solchen Katastrophe stellt sich zwangsläufig die Frage, wer das Ganze zu verantworten hat. Ist es die Stadt Duisburg, die eine Millionenveranstaltung auf ein für 300.000 Leute ausgelegtes Bahnhofsgelände verfrachtet hat? Kritische Stimmen gab es schließlich bereits im Vorfeld. Die Duisburger Polizei hatte bereits Bedenken geäußert, ob die Veranstaltung in der geplanten Art und Weise durchführbar sei. Der Antrag wurde abgelehnt. Zu sehr schienen die Stadtverordneten um Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) darauf versessen gewesen zu sein, das Image ihrer als grau und trist geltenden Stadt aufpolieren zu wollen. Ob sie dabei bewusst Sicherheitsrisiken in Kauf genommen haben, war aus der gestern auf NTV und N24 ausgestrahlten Pressekonferenz nicht zu entnehmen. Überhaupt hielten sich die Organisatoren bedeckt, antworteten ausweichend, unpräzise oder schoben die Schuld auf andere. Inzwischen ermittelt die Polizei wegen fahrlässiger Tötung.
Die Pressekonferenz
Unter der Nummer 0203/94000 wurde eine Hotline für Angehörige eingerichtet. Sie steht symptomatisch für die Gesamtorganisation des Events: In der Zeit von Samstag auf Sonntag wurden über 500.000 Anrufe registriert. Davon angenommen wurden leider nur 5.600. Auch hier schienen die Kapazitäten nicht auszureichen. Die Love Parade schien einfach eine Nummer zu groß für Duisburg. Nicht umsonst hatte das nur unwesentlich kleinere Bochum die Love Parade im vergangenen Jahr auf Grund “nicht ausreichender Kapazitäten” abgesagt. “Ich schäme mich für meine Stadt”, ist aus den Mündern vieler Duisburger zu hören. Wie auf Spiegel Online zu lesen ist, spielt Oberbürgermeister Sauerland bereits mit dem Gedanken zurückzutreten. “Gestern und auch heute ist die Frage nach Verantwortung gestellt worden, auch nach meiner persönlichen. Ich werde mich dieser Frage stellen, das steht außer Frage”, sagte Sauerland am Montag dem Radiosender WDR2.
Marek Lieberberg gibt inkompetenten Organisatoren die Schuld
Im Interview mit Spiegel Online entrüstet sich der bekannte Konzertveranstalter und Erfinder von “Rock am Ring” und “Rock im Park” über die groben Organisationsfehler im Vorfeld der Veranstaltung:
Das war keine höhere Gewalt wie ein Treppeneinsturz oder ein Unwetter, sondern das Ergebnis eines verhängnisvollen Zusammenwirkens von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisatoren, die weder mit derartigen Großveranstaltungen vertraut noch in der Lage waren, auf Notsituationen zu reagieren.
Seiner Meinung nach sei ein einziger Eingang über einen Tunnel der Gesetzeslage nach eigentlich überhaupt nicht zulassungsfähig. “Aber offensichtlich wollten die Verantwortlichen der Stadt Duisburg die Veranstaltung um jeden Preis und haben deshalb offensichtlich über alle notwendigen Sicherheitserwägungen hinweggesehen”, so Lieberberg weiter.
Das Ende einer Ära
Die Verantwortung für das Debakel wird man wohl nur schwerlich einer einzelnen Person geben können. Und im Endeffekt ist das auch egal. Schließlich macht das die Toten auch nicht wieder lebendig oder vertreibt das Erlebte aus den Köpfen der traumatisierten Besucher. ”Die Love Parade war immer eine friedliche Veranstaltung und fröhliche Party”, so Chef-Organisator Rainer Schaller. Man werde sie nun aber für immer mit den tragischen Ereignissen verbinden und sie könne daher nicht mehr stattfinden. Damit nimmt die Erfolgsgeschichte der Love Parade nach 21 Jahren ein tragisches und unrühmliches Ende. Fest steht nur eins: So etwas darf nie wieder passieren.


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