
Irgendwie haben wir’s ja kommen sehen, dass es sich so ausgehen würde: Nun vertritt also das Schnittchen Lena Meyer-Landrut die großdeutsche Fernsehnation beim Einmarsch in Oslo. Der Lolita-Charme der 18-jährigen Schülerin aus Hannover war wohl das schlagende Argument. Das, und ihre etwas eigenwillige Art zu singen.
Eigenwillig deshalb, weil sie besonders im Vergleich zu Jennifer Braun (ebenfalls Finalistin und übrigens Halbfinalistin bei Hessen Rockt III) definitiv die schwächere Stimme und die viel schlechtere Atemtechnik – nämlich gar keine – hat. Dafür hat Meyer-Landrut einen viel höheren Wiedererkennungswert, wenn man ihren Namen auch mühevoll auswendig lernen muss. Wenn Lena Meyer-Landrut singt, dann hört man zentraleuropäischen Zeitgeist. Die überdrehte Intonation mit zahlreichen Stakkato-Einlagen und der schon fast zwanghaft britische Akzent erinnern an Künstlerinnen, die in den vergangenen Monaten die Charts gerockt haben. Zum Beispiel Kate Nash, zum Beispiel Emiliana Torrini.
Nun könnte man natürlich sagen, dass Jennifer Braun die technisch bessere Sängerin ist und deshalb nach Oslo reisen sollte. Dagegen spricht, dass die mediale Phalanx aus ARD und Pro7 zwar innerhalb des Landes geschafft hat, den Sängerinnen auch Personality und ein Gesicht zu verleihen, in Oslo die zwei Mädels aber keine Sau kennt. Von usbekischen Friseusen und kasachischen Bauingenieuren am mit Goldschmuck verzierten TV-Gerät mal ganz zu schweigen. Von daher gilt es, in den rund 3,5 Minuten europaweiter TV-Präsenz einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Dafür ist Lena Meyer-Landrut bestimmt geeigneter als Jennifer Braun. Selbst wenn wir auf Marius Müller-Westernhagen als Gesamtkunstwerk hier schon zu Genüge eingedroschen haben – einen sinnvollen Satz hat er gleich in der ersten Sendung von “Unser Star für Oslo” zu Lena Meyer-Landrut gesagt: “Du hast Starappeal. Die Leute werden dich lieben.” Klappt vielleicht auch in Oslo. Zumindest für kurze Zeit. Denn Lena Meyer-Landrut nervt nach mehrmaligem Hören schon ziemlich, da ist Jennifer Braun auf Dauer angenehmer – aber in gewisser Weise auch beliebiger.
Uns würde mal interessieren, wie sehr es Stefan Raab eigentlich wurmt, dass nicht der von ihm für Lena geschriebene Song von den Zuschauern und Anrufern der ARD ausgewählt wurde, sondern ein Song von Julie Frost und John Gordon. Letzterer war unter anderem als Gitarrist und Songwriter von Madonna und Suzanne Vega in Aktion getreten und dürfte sich jetzt über die eigentlich schon von Raab für den Bau eines neunen Carports eingeplanten Tantiemen freuen.
Auf der anderen Seite möchten wir Stefan Raab ein großes Lob dafür aussprechen, dass er es geschafft hat, die Fernseh-Nation wieder mehr für das Thema “Eurovison Songcontest” zu begeistern. Zudem hat er bewiesen, dass es auch Castingshows jenseits von DSDS gibt, die ausreichend Quote machen, um die Verantwortlichen im Senderat zufrieden zu stellen. Und er ist darüber hinaus der Schmied einer bisher nie dagewesenen Kooperation zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen. Hut ab, Herr Raab. Fußangeln gab es viele auf diesem Weg und Raab hat sehr viel riskiert, als er die Aufgabe übernommen hat. Aber die von ihm ausgewählte künstlerische Qualität und der Umgang mit den Performan – nicht zuletzt der Entertainmentfaktor der Sendungen – suchen derzeit ihresgleichen in der deutschen TV-Landschaft.
Eigentlich ist’s da schon fast egal, ob Raab mit Lena Meyer-Landrut das von ihm gesteckte Ziel erreicht, unter die ersten Zehn in Oslo zu rutschen. Wobei unserer Meinung nach die Chancen dafür nicht so schlecht stehen. Aber der Geschmack der usbekischen Friseuse ist aus unserer Sicht und mit unserem Verständnis des Musikmarkts nur schwer einschätzbar. Wir wünschen auf jeden Fall viel Glück in Oslo.

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