Bislang war der Einfluss von taiwanesischen Castingshows auf die Musikwelt als “gering” bis “nicht vorhanden” einzustufen. Dies änderte sich über Nacht, als ein dicklicher Junge mit Beatles-Gedenkfrisur die Bühne der Castingshow “Superstar Avenue” betrat und – aufgemerkt – “I Will Always Love You” von Whitney Houston zelebrierte. Nein, das ist kein Schreibfehler und der Junge ist auch kein Junge, Lin Yu Chun ist ein 24-jähriger College-Absolvent, der sich sagen wir mal verdammt gut gehalten hat.
Es ist die Reinkarnation des Paul-Potts-Phänomens: Ein vermeintlicher “Vollpfosten” erhebt seine Stimme und rührt Millionen zu Tränen. Verschwörungstheoretiker suchen krampfhaft nach Whitney Houston, die sich, wieder erstarkt, bestimmt irgendwo hinter dem Bühnenvorhang verbirgt. Wutentbrannte Biologen schreiten zur kollektiven Verbrennung von “Anatomie I”, denn was dort über den männlichen Stimmbruch zu lesen ist, erscheint in Anbetracht dieser Performance mehr als überholt. Nach Überwinden der ersten Schockphase ringen sich auch kritischste Experten ein ungläubiges “verdammt, der Typ kann wirklich so singen” ab. Die Zuschauer sind begeistert und die Damen und Herren von Youtube verzeichnen mehrere Millionen Klicks innerhalb eines Tages.
Die Engelskehle selbst konnte die Aufregung um seine Person überhaupt nicht verstehen. Angeblich soll er am nächsten Morgen alles für einen Traum gehalten haben. Lin Yu Chun ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass es nicht immer die künstlich hochstilisierten Menowins und Merzhads sein müssen, die für Aufsehen sorgen, sondern eben auch ein ganz einfacher Taiwanese, der einfach nur phänomenal singen kann.
Um dem Fass den Boden auszuschlagen, bemühen wir nun mal den Vergleich mit Frau Houston, die kürzlich ihren Tourauftakt in Australien feierte beziehungsweise versaute. Die einstige Queen of Soul blamierte sich bis auf die Knochen als sie mit ständig aussetzender Stimme, an ihre alten Glanztage anzuknüpfen versuchte. Das “Bodyguard”-Gefühl blieb aus und auch ihre Stimme schien sie erneut in den Neunzigern vergessen zu haben. Angeblich soll Whitney wieder zu den Drogen zurückgekehrt sein, was auch ihren aparthischen Blick und ihre unkontrolliert wirkenden Bewegungen erklären würde.
Schlimm, dass man diese Frau weiterhin zum Auftreten zwingt und ihr nicht die Zeit gibt, endlich mit ihren Problemen fertig zu werden. Ein guter Ersatz aus Taiwan steht ja bereits in den Startlöchern.

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