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Schwere Geburt

2010.07.16_Dangermouse_aufDie Sache ist kompliziert. Ziemlich kompliziert. Verschaffen wir uns also erst einmal einen Überblick. Eine Rolle in dieser ziemlich komplizierten Sache spielen: Ein berühmter Musikproduzent, der eine CD veröffentlicht, auf der keine Musik drauf ist; ein noch berühmterer Regisseur, der Fotos schießt für ein Buch, in dem dann tatsächlich auch Fotos drin sind; ein nicht ganz so berühmter Musiker, der sich eine Kugel ins Herz schießt, bevor er so richtig berühmt wird; ein monatelanger Rechtsstreit, der verhindert, dass die CD, auf der keine Musik drauf war, noch mal erscheint, aber diesmal mit Musik drauf; und noch ein Selbstmord.

So, und jetzt die Auflösung: Hinter dem Pseudonym Danger Mouse versteckt sich der Produzent Brian Burton, der einige weltbekannte Hits landete als eine Hälfte von Gnarls Barkley, prominente Namen wie die Gorillaz und Beck produzierte und ansonsten bereits mit jedem zweiten Menschen zusammengearbeitet hat, der eines Instruments halbwegs mächtig ist. Hinter dem Pseudonym Sparklehorse verbirgt sich der Singer/Songwriter Mark Linkous, der zuerst mit vergleichsweise konventionellem Folk-Rock bekannt wurde, dann immer experimenteller wurde, für seinen Helden Tom Waits Songs schreiben durfte und schließlich mit jedem Menschen zusammenarbeitete, mit dem Danger Mouse noch nicht zusammengearbeitet hatte. (Foto Jacob Escobedo)

Die beiden begannen im Jahre 2005 ein gemeinsames Album zu schreiben und aufzunehmen. Dazu luden sie sich Sänger und Sängerinnen ein, mit denen sie schon zusammengearbeitet hatten, und ein paar, die ihnen überraschenderweise bislang noch durch die Lappen gegangen waren. Vor allem aber überredeten sie einen gewissen David Lynch, einmal ausnahmsweise keinen Film voller schicker Albträume zu drehen, sondern lieber Fotos voller schicker Albträume zu schießen. “Dark Night Of The Soul” erschien im Sommer des vergangenen Jahres: ein mehr als hundert Seiten dickes Foto-Buch, eine bespielbare, aber leere CD und der schriftliche Hinweis “Aus rechtlichen Gründen enthält die CD keine Musik. Verwenden Sie die CD, wie Sie wollen.”

The Man Who Played God – featuring Suzanne Vega

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Die Musik, die auf der CD fehlte, geisterte zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits durchs Internet. Zu hören waren Songs geschrieben von Burton und Linkous, gesungen von Suzanne Vega oder Iggy Pop, Frank Black von den Pixies oder Julian Casablancas von den Strokes, ja sogar von David Lynch und – ein nahezu letztes Mal – von Vic Chesnutt. Als sich der querschnittsgelähmte Singer/Songwriter im Dezember 2009 umbrachte, tobte hinter den Kulissen längst eine Auseinandersetzung um “Dark Night Of The Soul” zwischen Danger Mouse und der Plattenfirma EMI.

Little Girl – featuring Julian Casablancas

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Worum es wirklich ging, blieb geheim. Aber die EMI war 2007 von einem Private-Equity-Fonds aufgekauft und anschließend nach allen Regeln der Heuschrecken-Kunst ausgeweidet worden, während der 33 Jahre alte Brian Burton gern auch gelegentlich Platten illegal und umsonst im Internet veröffentlicht, weil er ohnedies keine Genehmigung für die verwendeten Samples bekommen würde oder seiner Plattenfirma eins auswischen will. Da hatten sich also zwei gefunden, deren Auffassungen von Musik und ihrer Vermarktung einander diametral gegenüberstanden. Die Folge war, dass die offizielle Veröffentlichung von “Dark Night Of The Soul” immer wieder verschoben wurde.

Just War – featuring Gruff Rhys

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Bis heute. Ob der zweite Suizid dieser verwinkelten Geschichte dazu geführt haben mag, dass die Parteien sich schließlich einigen konnten zugunsten der Kunst, auch das wird wohl niemals geklärt werden können. Traurige Tatsache ist nur, dass sich Mark Linkous alias Sparklehorse am 6. März 2010 in Knoxville, Tennessee, im Alter von 47 Jahren das Leben nahm. Er hinterließ keinen Abschiedsbrief.

Pain – featuring Iggy Pop

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Nur dieses letzte Album. Das die erstaunliche Leistung vollbringt, angesichts seiner Vorgeschichte nicht zu verblassen. Linkous und Burton haben wundervolle Songs für wundervolle Stimmen geschrieben, voller Melancholie und Schmerz, voller zeitloser Melodien und ausgestattet mit Arrangements, die alles miteinander versöhnen, was auf dem doch einigermaßen langen musikalischen Weg zwischen den beiden aufzusammeln war.

Star Eyes – featuring David Lynch

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Nun aufzuzählen, welche Einflüsse und Bands auf “Dark Night Of The Soul” zueinander finden, ist müßig. Durch diese Songs schimmern jeweils ganze Jahrzehnte der Pophistorie, an immer wieder neuen Details lassen sich ganze Genres festmachen, nur damit der Klang im nächsten Moment eine ganz neue Richtung einschlagen kann. Seltsamerweise aber, und das ist eine Kunst, die vor allem Danger Mouse mit seinen Kollaborationen schon oft bewiesen hat, fallen diese Songs trotz des Eklektizismus nicht in ihre Einzelteile.

Dabei benutzt Burton bisweilen sogar Methoden aus der Avantgarde, wenn er das Gefühl hat, ein Lied drohe an der eigenen Süßlichkeit zu ersaufen. So legt er über “Insane Lullaby”, das James Mercer von The Shins singt, ein bösartiges elektronisches Kratzen und Schaben, das einen erst einmal am Zustand der eigenen Boxen zweifeln lässt, sich aber dann als wundervoller Kontrast zur lieblichen Melodie entpuppt. Der Effekt ist ganz simpel, das Ergebnis ist ein großartiger Popsong. Aber wie er überhaupt in die Welt fand, das ist doch sehr, sehr kompliziert.

Text: Thomas Winkler

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