“Wer hat ‘s erfunden - Korn!” Das besagt zumindest die Legende. Um die Jahrtausendwende tritt eine neue Musikrichtung auf den Plan und etabliert sich an der Spitze der Chars. Nu-Metal heißt das Stichwort. Doch was ist denn bitte so “nu” am Metal, den Bands wie Limp Bizkit, Linkin Park oder Papa Roach vom Zaun brechen und was zeichnet sie aus? Eine Symbiose aus Rock, Metal und Hip-Hop kennt man schließlich bereits seit den Achtzigern, als Aerosmith mit Run DMC ihr famoses “Walk This Way” neu auflegten. Und es gab da auch mal eine sehr erfolgreiche Kommunisten-Band namens Zorn gegen die Maschine.
Die Nu-Metal-Bands der Anfangsphase eint zunächst einmal ihre Vorliebe für extrem knallende, prägnante Riffs, die sowohl die Nackenmuskeln, als auch den Testosteronhaushalt anregen. Die Texte sind meist gesellschaftskritisch und klingen immer “irgendwie angepisst” (ich erinnere an Limp Bizkits “Hot Dog” mit den 46 “fucks”). Strophen werden entweder gerappt oder sparsam gesungen, während es im Refrain dann richtig zur Sache geht. Und besonders bei Linkin Park und Papa Roach gibt es immer die berühmte Stelle zum Ausrasten.
Aber woher kam die Idee die Gitarre mal schnell bis zum H runterzustimmen oder am besten gleich zur siebensaitigen Klampfe zu greifen? Hier kommen Korn ins Spiel, denn die gelten in der Szene als die unangefochtenen Wegbereiter des Nu-Metal. Das verwundert zunächst, haben Korn doch auf den ersten Blick so gar nichts mit den Teenie-Idolen von Limp Bizkit und Linkin Park gemeinsam. Fronter Jonathan Davis kann zwar auch rappen, allerdings gehört Hip-Hop nicht zu seinen Haupteinflüssen. In einem Interview mit dem Rock-Hard-Magazin bezeichnete er sich als “Kind der Achtziger”. Er steht auf Elektro, Punk und auf alles was irgendwie krank und abgespaced ist. Das merkt man den oft sehr dissonanten korn’schen Klängen noch heute an. Kollaborationen mit Künstlern wie Ice Cube machen jedoch deutlich, dass die Band sich als Gesamtpaket auch mit dem Hip-Hop identifizieren kann. Das ist besonders auf dem 1998 veröffentlichten Album Follow The Leader zu spüren, mit dem Korn sich endgültig als Top-Act etablierten.
Im Jahre 1993 in Bakersfield, USA gegründet, waren es besonders die geradlinigen, dissonanten Riffs im tonalen Keller, die es der Band angetan hatten und schon bald stilprägend für ein komplettes Subgenre sein sollten. Darüber hinaus sind es besonders der Slap-Bass von Bassist Fieldy und die manchmal meckernde, manchmal wimmernde und manchmal brüllende Stimme von Jonathan Davis, die Korn noch heute einzigartig machen. Gerade live ist die Band ein Erlebnis und Klassiker wie “Blind” und “Freak On A Leash” sorgen regelmäßig für wahre Moshpit-Infernos.
Korn – “Blind” @ Rock am Ring 2007
In puncto neuem Material wusste die Band zuletzt aber nicht zu überzeugen. Seit 2007 ist kein neues Album mehr auf den Markt gekommen. Davor waren es vor allem ein MTV-Unplugged und das Greatest Hits Vol. 1-Album, die die Käuferschaft neugierig machten. Es schien als ob mit dem Ausscheiden von Gitarrist und Gründungsmitglied Brian Welch und Schlagzeuger Dave Silveria auch die Kreativität von Korn abhanden gekommen sei.
Jetzt steht endlich das lang erwartete neue Studio-Album in den Läden. Da bietet es sich doch an, die neue Scheibe mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Bereits beim Opener “Oildale (Leave Me Alone)” fällt auf, dass die Zeit der elektronischen Experimente vorbei zu sein scheint. Was man hört ist der reine Korn-Sound – reduced to the minimum. Erinnert vom Sound her ein bisschen an die 1996er Ausnahme-Platte Life Is Peachy. Das ist auch kein Wunder, schließlich sitzt mit Ross Robinson der gleiche Mann auf dem Produzentenstuhl, der die ersten Erfolgsalben von Korn produziert hat. Warum nicht gleich so, fragt man sich.
Das Video zur neuen Single “Oildale (Leave Me Alone)”
Es groovt, scheppert und peitscht was das Zeug hält. Zu Beginn etwas eingängiger und softer als die Frühwerke, entfaltet “Oildale (Leave Me Alone) aber genau die Live-Brutalität wie man sie von Songs wie “Right Now” oder “Y’ All Want A Single” kennt. Ich für meinen Teil stelle mir Korn-Songs immer in ihrer Live-Wirkung vor, da hier, wie oben zu sehen, die wahren Stärken dieser Band liegen. Auch “Pop A Pill” scheint nahtlos an alte Zeiten anzuknüpfen. Erneut singt Davis weitgehend clean und jammervoll, was der Atmosphäre des Songs aber keinen Abbruch tut. Das beste an diesem Song ist aber die herausragende Instrumentalarbeit. Drummer Ray Luzier, der inzwischen endlich als festes Bandmitglied gilt, hat meiner Meinung nach wesentlich mehr Dynamit in den Beinen als Vorgänger Dave. Wirklich geil was er da macht. Dass der Rest der Band ein eingespieltes Team ist, versteht sich von selbst, aber die Mischung macht ‘s.
Mit “Move On” befinden wir uns dann voll in der “Here To Stay”-Phase. Fette Grooves, melodischer Refrain und ein Text wie ihn eben nur ein Freak wie Jonathan Davis schreiben kann. Das absolute Album-Highlight stellt für mich aber “Let The Guilt Go” dar. Das ist wirklich ein Statement in Richtung sämtlicher Kritiker, die Korn bereits abgestempelt und ins musikalische Niemandsland verortet haben. Da sieht man mal wieder, wie wichtig Produzenten gerade für den Nu-Metal sind.
“Let The Guilt Go” live bei Jimmy Kimmel
Kaum ist Ross Robinson wieder da, schon klingen Korn wieder viel mehr nach Korn. Das mag daran liegen, dass der geneigte Hörer wohl eher die Alben der Frühphase im Ohr hat, aber für meinen Geschmack muss diese Band genauso klingen, wie hier vorzufinden. Roh, druckvoll und immer ein bisschen psychisch krank. Ganz mit den früheren Hit-Alben aufnehmen, kann es “Remember Who You Are” dann auch wieder nicht, aber der Albumtitel ist an dieser Stelle wirklich Programm. Korn sind zurück und ich freue mich auf die Ende September ins Haus stehende Deutschland-Tour. Die Konzerttermine findet ihr hier.

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