Das Leben ist komplett sinnlos, gottlos, regiert von unwägbaren Kräften – aber, hey: Ist es nicht wundervoll? Brad Roberts, Sänger und Pop-Philosoph aus Kanada, hat knapp 20 Jahre für Erkenntnis gebraucht. Sie ist die Zentralbotschaft seines neuen, ebenso fundamentalen wie fulminanten Albums “Oooh-la-la!”, das er unter dem Namen seiner alten Band Crash Test Dummies veröffentlicht.
Das Album ist sein erstes Lebenszeichen nach fünfjähriger Pause. Eines, das Mut macht und, für Roberts recht überraschend: Hoffnung. Seine Skepsis gegenüber der Existenz als solcher, speziell gegenüber den Dingen der Natur, hat sich der studierte Literat und praktizierende Lyriker dennoch bewahrt.
Auf “Songbird”, dem ersten Track des Albums, zwitschert ein Vogel dem Sänger etwas über das Treiben der Tiere wie der Wolken – doch nichts davon besitzt tieferen Sinn. Blühende Wiesen, flatternde Vögel, reißende Zähne: All das folgt keinem höheren Ziel, es sei denn, so vermutet der Dichter dunkel, einem obskuren, das man ihm vorenthält, aus Strafe für irgendeine namenlose Übertretung.
Inmitten der Dunkelheit: ein Liebeslied
So weit, so düster. Aber dann folgt bald “And It’s Beautiful”, und Roberts’ Stimme klingt so von Glück beseelt, wie sein abgrundtief knurrender Bariton nur sein kann. Ein Liebeslied, tatsächlich; und ganz und gar frei von sarkastischen Untertönen. Die Musik dazu klingt nach Jahrmarkt, nach Revuetheater, ab und zu auch nach Akustikpop.
Silbern klingende Stahlsaiten, herrliche Chorgesänge (mit Ellen Reid als einzig verbliebenem Dummy aus den 90ern), im Hintergrund quietschende, quetschende, schwer atmende bis heiter scheppernde Orgelsounds: Wie kommt man im Jahr 2010, im Zeitalter blank polierter Sampling-Ware, auf so etwas?
Roberts und sein derzeitiger Kompagnon Stuart Lerman sind weit zurückgegangen in der Musikgeschichte, suchten und fanden: Musikspielzeuge. Auf denen bastelte das Duo drei Jahre lang herum, und glaubt man den Geschichten in den Produktionsnotizen, dann hat gerade dieses zweck- und zwanglose Herumdaddeln Roberts’ neue Leichtigkeit hervorgebracht. Und ihm selbst neuen Lebensmut gegeben.
Crash Test Dummies – Spielzeuginstrumente
Auf einem Video aus dieser Spielphase sieht man Roberts und Lerman im Heimstudio wie zwei kleine Jungen herumalbern. Man sieht Mittvierziger mit staunenden Kinderaugen. Die tiefen Schatten unter Roberts’ Augen erzählen aber auch davon, was er zuletzt durchgemacht haben muss, bevor er im Spiel wieder zu sich fand.
Anfang der 90er hatte Roberts, damals am Ende seines Studiums, einen Glückstreffer gelandet. Es sollte sein einziger bleiben: “Mmm, mmm, mmm, mmm”, eher eine Sammlung surrealer Anekdoten als ein Popsong, traf mit seinem Folk-Pop-Appeal wohl einen Nerv; Roberts’ kraftvoller, markanter Bariton und sein athletischer Body – ein bisschen Späthippie, ein bisschen Surf-Junkie – mögen zur überraschenden Popularität des Songs beigetragen haben. Doch der Rest des zugehörigen Albums blieb dem Pop-Publikum wohl doch rätselhaft.
“God Shuffled His Feet”, so der Albumtitel, handelte von einem müßigen Gottvater, den die Fragen der Adoranten nach dem Sinn des großen Ganzen eher nervten: Gott räusperte sich und sah auf seine Sandalenspitzen. Ansonsten wurde auf dem Album ohne Rücksicht auf kommerzielle Verwertbarkeit drauflos experimentiert, Metal-Riffs mit Engelschören, öliges Bar-Jazz-Georgel mit philosophisch angehauchten Texten amalgamiert.
Je schlechter die Verkaufszahlen – desto düsterer die Songs
Album für Album verkaufte sich schlechter. Roberts’ Rollenprosa wurde immer zynischer. In seinen Songs schlüpfte er gern in die Haut grandioser Großmäuler, die dem Rest der Welt erklärten, dass dieser ihnen am Arsch vorbeigehe (“I Don’t Care That You Don’t Mind”). Charaktere, die zwischen Bukowski und Nietzsche wandelten – verkäuflich war all das nicht.
Es folgte 2002 ein Album mit hinreißend sinistren Versionen von Weihnachtsliedern – “Jingle Bells” mit Totenglocken – und schließlich ein vom 11. September inspiriertes, todessehnsüchtiges Werk namens “Songs of the Unforgiven” (2006).
Crash Test Dummies – Jingle Bells
Roberts bekam daraufhin Post von Hörern, die dessen depressive Lyrik einfach furchtbar fanden; eine Frau empfahl ihm dringend professionelle Hilfe. Über seinen Alkoholkonsum in jener Zeit gibt der Künstler nur bruchstückhafte Auskünfte. Doch dann entdeckte er den Klang der Spielzeuge. Jetzt ist er clean, schreibt er.
Seine Stimme klingt stärker denn je. Doch so inbrünstig er “And It’s Beautiful” singt: Auch die Tiefen und Abgründe, die er überwinden musste, um solch ein Liebeslied zu singen, kann man noch erahnen. Die Spielzeug-Kompositionen verleihen dem gesamten Album ein Flair von Vaudeville-Theater. Entsprechend luxuriös ist die CD ausgestattet.
Die Revueshows der Zwanziger klingen in den Arrangements an, aber auch billige Varieté-Darbietungen – eine blinkende, bunte, heitere Schönheit, die aber doch ahnen lässt, dass hinter den Wackel-Kulissen die wahren Dramen lauern. Roberts ist heute weise genug, in diesen Abgrund nicht mehr allzu lang hineinzusehen.
Crash Test Dummies – And it’s beautiful

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