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Muslimische Bastarde

2010.08.16_Kominas_picEs ist fast Mitternacht, als die Kominas in London auftreten. Zuerst schallt eine orientalische Melodie aus den Lautsprechern. Dann greifen verzerrte Gitarren und ein Schlagzeug ein. Die 60, 70 Fans vor der Bühne fangen an, wild zu pogen und zu tanzen. „I am an islamist / I am the antichrist“ – mit dieser Anspielung auf die Sex Pistols beginnt das bekannteste Lied der Kominas. Es heißt „Sharia Law in the USA“ und macht sich über die Islamistenhatz nach den Anschlägen vom 11. September lustig.

„Wir wollten einen Punk-Song machen, der die Leute schockt und nachdenklich macht“, sagt Gitarrist Shahjehan Khan, ein ruhiger, 26 Jahre alter Amerikaner mit Lederjacke und schiefer Brille. Der Plan ging auf. Das Musikmagazin Rolling Stone, die britische BBC und viele andere berichteten über die Kominas. Newsweek schrieb über ihre „Funk-beeinflussten Bollywood-Songs“.

Sharia Law in the USA

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Das Medienecho ist auch deshalb so groß, weil die Kominas bewusst provozieren. Ein Lied heißt „Rumi was a Homo (But Wahhaj Is a Fag)“. Rumi war ein islamischer Mystiker des Mittelalters, und Wahhaj ist ein vom Christentum konvertierter US-Moslemführer. Und Fag bedeutet Schwuchtel.

Einen Tag vor dem Konzert sitzt Shahjehan Khan in einem Londoner Hotel verschlafen am Frühstückstisch. Khan spielt bei den Kominas die Gitarre und hat die Gruppe vor fünf Jahren mit seinem Jugendfreund Basim Usmani gegründet. Der Bandname bedeutet auf Punjabi „Bastarde“.

Auf die Idee mit der Punkband wäre Khan vielleicht nie gekommen, hätte er nicht vor sechs Jahren den Roman „The Taqwacores“ des jungen US-Schriftstellers Michael Muhammad Knight gelesen. Der Titel verbindet den islamischen Begriff für Frömmigkeit – „taqwa“ – mit dem englischen Wort Hardcore, das in dem Zusammenhang für schnelle, harte Musik steht.

Sex und Hendrix

„The Taqwacores“ erzählt die Geschichte einer Gruppe muslimischer Punks, die sich in der amerikanischen Stadt Buffalo ein Haus teilen, wilde Feten feiern und zu Allah beten; ein Kultbuch unter jungen US-Moslems. „Ich habe es an einem Tag durchgelesen“, sagt Khan.

Er ist in einem Bostoner Vorort aufgewachsen. Seine Eltern sind wohlhabende pakistanische Einwanderer, die sich in der örtlichen Moschee engagierten. Als Kind noch religiös erzogen, rebellierte Khan dann als Jugendlicher gegen die Religion der Eltern. „Das lag auch daran, dass ich anfing, sexuelle Bedürfnisse zu kriegen“, sagt er. Statt in die Koranschule zu gehen, spielte er lieber auf der Gitarre und hörte Jimi Hendrix.

Knights Roman beeindruckte ihn so, dass er auch ein Taqwacore sein wollte. Die Kominas wurden eine der ersten Bands der entstehenden Taqwacore-Szene. Bands wie Al-Thawra – die Revolution –, Secret Trial Five und Vote Hezbollah folgten. Sie alle verbinden wütenden Punkrock mit sozialkritischen Texten über das Leben und die Gedankenwelt junger Moslems in den USA. Diese Musiker sind zwischen zwei Kulturen aufgewachsen – ein Balanceakt, den der 11. September 2001 grundlegend veränderte.

Gegen Islamphobie und die arabische Ölindustrie

Khan weiß noch genau, wie nach den Anschlägen von New York und Washington ein Schüler zu ihm kam und fragte: „Was habt ihr da gemacht?“ Vorher war Khans Religion nie ein Problem gewesen, obwohl er der einzige Moslem seines Schuljahrgangs war. Auf einmal standen Islam-Gläubige unter Generalverdacht.

Das Lied „Sharia Law in the USA“ ist eine Art Antwort auf dieses Misstrauen. In ihren Texten setzen sich die Kominas aber nicht nur mit westlicher Islamophobie auseinander, sie greifen auch schon mal die arabische Ölindustrie an oder singen über einen Gefangenen in Guantánamo Bay. Die englische Zeitung Guardian beschrieb ihre Texte als „respektlos und politisch unkorrekt“.

Anstößige Texte stiften Verwirrung

Mit ihrem Sarkasmus ecken sie immer wieder an und stiften Verwirrung. Ein rechter Blogger bezeichnete sie als „islamistische Rapper“, obwohl die Kominas weder rappen noch zum Dschihad aufrufen. Auch in der islamischen Gemeinde stoßen sie gelegentlich auf Ablehnung. Als sie im Mai bei einer New Yorker Benefizveranstaltung für Pakistan spielen wollten, sagten die Veranstalter ihren Auftritt zwei Wochen vorher ab. „Unsere Texte waren ihnen zu anstößig“, sagt Khan enttäuscht.

Ihm hat Taqwacore geholfen, seinen eigenen Weg zwischen den Kulturen zu finden und sich mit der Religion seiner Kindheit zu versöhnen. „Knights Roman hat mir gezeigt, dass es ok ist, zu zweifeln“, sagt er. Durch die Lektüre habe er gelernt, den Islam mit neuen Augen zu sehen und zu entdecken, dass er vielfältiger und liberaler sei, als er früher dachte. „Ich glaube nicht, dass es richtige und falsche Moslems gibt“, sagt er. „Das ist doch letztlich eine Sache zwischen mir und Gott.“

Text: Serge Debrant

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