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Glasto ohne Straßennamen

2010.06.29_Muse_aufDas Glastonbury ist ein Festival der großen Momente. Einen davon lieferte die Band Muse (Bild oben), als sie mit The Edge zusammen den U2-Klassiker “Where the Streets have No Name anstimmten.” Bono konnte ja nicht mit – der erholt sich noch von seinem Bandscheibenvorfall.

Where The Streets Have No Name – Muse und The Edge

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Von Christoph Albrecht-Heider

Den schönsten Blick hat man von der Kings Meadow oben am Hang. Hinter einer Kette weißer Tipis erstreckt sich ein Meer aus bunten Kugelzelten. Aus seiner Mitte heben sich die gestreiften Bahnen großer Zirkuszelte hervor und die Bühnen, die aus der Ferne wie schwarze Löcher wirken.

2010.06.29_GlastoTausende bunter Seidenfahnen, gezackte, gezähnte, dreieckige, quadratische, flattern an langen Stangen im Sommerwind. Auf der Kuppe des gegenüberliegenden Hangs, am Rande der Zeltstadt, liegt die Worthy Farm. Hier wohnt und wirtschaftet der 74 Jahre alte Milchbauer Michael Eavis. Einmal im Jahr lässt er auf den Wiesen seines Hofes in der Provinz Somerset, drei Autostunden von London entfernt, eine Wunderwelt entstehen: das Glastonbury Festival of Contemporary Performing Arts, abgekürzt Glasto – am Wochenende blühte dieses Wunder wieder auf und trieb viele bunte Blüten.

Denn “Glasto” ist ein Festival wie kein zweites: Es ist nicht nur das größte Europas, sondern auch ein von Fans wie Musikern kultisch verehrtes. Noel Gallagher, Sänger der vormaligen Startruppe Oasis, erklärte: “Es ist das einzige wirkliche Festival. Bei den anderen spielen nur Rockgruppen im Freien.”

Kate Moss gibt den Stil vor

Zwei Tage, bevor Gorillaz auftreten, die Scissor Sisters, Faithless, Muse oder Stevie Wonder, zwei Tage also, bevor die Musik spielt, ist die Völkerwanderung schon in vollem Gange. Bepackt, als würden sie evakuiert, ziehen die Leute in langen Kolonnen von den ein, zwei Kilometer entfernten Parkplätzen über Feldwege in die verschiedenen Viertel der Zeltstadt.

Erfahrene Besucher haben ihr Hab und Gut in Schubkarren und Bollerwagen gepackt, die Kartons mit Bierbüchsen auf Sackkarren verschnürt. Mädchen zerren schicksalsergeben Trolleys mit zerbrochenen Rollen durch den Staub. Junge Männer tragen nackten Oberkörper, junge Frauen trotz Trockenheit Gummistiefel. Es hat Jahre gegeben, da schwammen die Zelte nach Wolkenbrüchen im Wasser, und Eavis” Wiesen waren ein einziges Schlammloch. 2010 fällt kein Tropfen vom Himmel, aber es heißt, seit Kate Moss auf Festivals mit Gummistiefeln rumgelaufen ist, seien sie Pflicht.

Dass Musik wichtig ist, muss man betonen. Fast könnte es anders erscheinen. Auf der Worthy Farm bespielen an diesem Wochenende zwar fast 1500 Gruppen und DJs mehr als 40 Bühnen, aber Glasto ist weit mehr als ein Rockfestival, es ist auch Karneval und Kirchentag, Love Parade und Landpartie, Protest und Popkultur, oder auch, um es mit einem beliebten T-Shirt-Aufdruck zu sagen: Sex and drugs & sausage roll.

Bauer sucht Radau

Bauer Eavis, Besitzer von 300 Kühen, holte 1970 zum ersten Mal Rockgruppen auf sein Gelände und ist jetzt, zum 40. Jahrestag, noch immer Herz und Kopf der Veranstaltung. Eavis hatte erst mal die Musik begeistert. Am 19. September 1970, ein Jahr nach Woodstock und einen Tag nach dem Tode von Jimi Hendrix, veranstaltete er sein erstes Open Air, das Pilton Pop, Blues & Folk Festival, benannt nach dem 1000-Einwohner-Ort Pilton, zu dem die Worthy Farm gehört.

Eavis und seine Frau Jean hatten auf einem Festival in der Nähe Led Zeppelin gehört und wollten sofort selbst so was auf die Beine stellen. Sie hätten gern die Kinks gehabt, bekamen aber “nur” Tyrannosaurus Rex. Sie verlangten ein Pfund Eintritt, schenkten kostenlos Milch aus, zählten 1500 Besucher – und unterm Strich ein Defizit von 1500 Pfund.

Eavis war damals schon 34 Jahre alt und wirkte für Hippie-Verhältnisse etwas altmodisch. Er sah nicht viel anders aus als heute, nur jünger: Sein schütterer Haarkranz ist inzwischen so grau wie sein Backenbart. Eigentlich hatte Eavis zur See fahren wollen, doch als sein Vater starb, musste er im Alter von 19 Jahren den elterlichen Hof übernehmen, die Worthy Farm. Der gläubige Methodist Eavis geht jeden Sonntag in die Kirche, lehnt Alkohol, Nikotin und Drogen ab und sagt: “Ich bin ein bisschen puritanisch”. Vor allem aber ist der alte, vitale Mann, der auf seinem Festival in kurzen Hosen rumläuft, ein Menschenfreund, ein politischer zudem.

Ein Festival mit Themen-Gebieten

2010.06.29_Glasto_healingWar Glasto in den 70er Jahren ein eher unbedeutendes Open Air, das bis 1978 überhaupt nur dreimal stattfand, so bekam es, gerade auch durch Eavis, Anfang der 80er Jahre seine politische Farbe. Abrüstungsinitiativen und Öko-Freunde zogen auf die Wiesen der Worthy Farm und begründeten die sogenannten Greenfields.

Das Fest-Gelände, von Natur aus von Hecken durchschnitten, ist in Themen-Gebiete unterteilt. Es gibt das Dance Village und die Zirkus- und Theaterbühnen, eine Spielzone für Kinder, eine andere für die Underground-Szene, eine weitere, die Leftfields, für die politische Linke. Doch die Greenfields gelten immer noch als die Seele des Festivals.

Für die Fortsetzung dieser Tradition steht Emily Eavis, 30. Die Oxfam-Aktivistin gab nach dem Tod von Eavis” Frau Jean ihren Job als Lehrerin auf, ging zunächst ihrem Vater bei der Organisation des Festivals zur Hand und prägt inzwischen seinen Stil, auch den musikalischen, indem sie das Programm auf einer der großen Bühnen verantwortet. Oxfam, Greenpeace und WaterAid vor allem, aber auch kommunale Projekte in der Umgebung profitieren finanziell vom Festival; jedes Jahr werden 2,5 Millionen Euro für die guten Zwecke erwirtschaftet.

Anders eben

An manchen Stellen geht es gemütlich zu, anderswo nicht. In Shangri-La und seinen angegliederten Vierteln wie Block 9 oder Unfair Ground agiert sich die Subkultur aus. In einem Gängesystem aus Müllkunst und Kunstmüll, das mit Maschinengeräuschen beschallt wird, beginnt der Tag erst in der Nacht, in der man Cidre in der düsteren Bar “Apple Smugglaz Intergalactic Shipping” trinkt. Nebendran fantastische Filmkulissen: In der Fassade eines sechsstöckigen Apartmenthauses steckt ein Londoner U-Bahn-Waggon.

Nebendran in der “Wave farm”, die aussieht wie ein Alchemisten-Labor, sitzt man auf Lkw-Schläuchen an Kabelrollen als Tischen. Hinter der nächsten Hecke hängt ein zerfetzter Hubschrauber im Baum, eine Rakete ragt aus einem alten Rover. Ein Flugzeug-Rumpf ist wie nach einer Notlandung in die Erde gewühlt, die Bäume dahinter sind umgeknickt, als hätte der Jet sie rasiert, Stewardessen in blutbefleckten Uniformen weisen mit roten Fahnen ins Innere der Flugzeugruine, in der es – wir sind noch immer in Glasto – Getränke und Musik gibt. “Glasto”, sagen die Franzosen, die die “Wave farm” betreiben und mit ihren Kunst-Bars schon auf dem legendären Burning-Man-Festival in der Wüste Nevadas waren, “Glasto ist weit vorn” in ihrer Szene.

Die Pyramide ist das Zentrum

2010.06.29_Glasto_zeltKurz bevor die Sonne untergeht, beginnt der Hauptakt des Festivals auf der “Pyramid Stage”. U2 hätten ihn zum 40. Geburtstag bestreiten sollen, doch weil Bono ja ausfällt, stehen jetzt die Ersatzstars der Gorillaz auf der Bühne. Diese ist seit 39 Jahren das Zentrum des Festivals und tatsächlich den Pyramiden von Gizeh nachempfunden ist. Symbolhaftes gehört zu der Gegend, die 9000-Einwohner-Stadt Glastonbury ist nur wenige Kilometer entfernt. Unter der Kirchenruine – hier soll das älteste Gotteshaus der Christenheit gestanden haben – liegen, so erzählt man sich, die Gebeine König Arthurs. Heute ist Glastonbury die Hauptstadt der britischen New-Age-Bewegung, in der Hippies mit jointgegerbten Gesichtern um Esoterik-Läden kreisen.

“Ich bin immer noch in erster Linie Bauer”

Einen Tag vor Gorillaz steht Michael Eavis auf der “Pyramid Stage”. Mit ihm, im hellen Sommeranzug: Prince Charles. Die Thronerbe ist in seiner Eigenschaft als Präsident von “WaterAid” gekommen. Eavis erinnert sich an die wilden späten 80er Jahre, als Kriminalität, Drogen und Gewalt der Feier ein Ende zu bereiten schienen, und sagt: “Wer hätte gedacht, dass das, was einmal illegal war, nun den königlichen Segen erhält.”

Auch dies ist inzwischen eine Facette des Festivals: Man geht nach Glasto. Die BBC, mit 400 Mitarbeitern vor Ort, überträgt live im Fernsehen und im Radio. 135 000 Besucher sind da. Film- und Showstars lassen sich blicken. Und die Besserverdienenden nächtigen in angemessenem Abstand vom Lärm in luxuriösen Jurten, Winnebago-Wohnmobilen oder im Camp Kerala, wo das Maharadscha-Zelt aus Rajastan für zwei Personen (einige Annehmlichkeiten wie Backstage-Pässe inklusive) 8500 Euro kostet.

Über der Kings Meadow hängt dick und gelb der Vollmond. In der Senke glitzert die Zeltstadt, zucken Lichtblitze aus den Bühnen. In ein paar Tagen ist es hier nachts erneut stockdunkel. Wenn die Menschen wieder in ihren Städten und der Zaun und die Bühnen eingepackt sind, grasen wieder Kühe auf diesen Wiesen. “Das ist gutes Weideland”, sagt Michael Eavis. “Ich bin immer noch in erster Linie Bauer.”

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