Er hat den Text vergessen. Und deshalb den Einsatz verpasst. Für einen kurzen Moment sieht Gunter Gabriel verunsichert aus, sucht auf dem Teleprompter am Bühnenrand nach den richtigen Worten. Dann lacht er, so als sei er selbst erstaunt darüber, dass ihm das passieren konnte, und weist die Musiker an, noch mal abzubrechen.
Im dunklen Anzug sitzt er im Scheinwerferlicht, ein Bein angewinkelt am Hocker abgestützt, in der linken Hand das Mikrofon: So fixiert er das Publikum. Er nutzt diesen kleinen Aussetzer, um zu erzählen, wie dankbar er ist, wieder auf der Bühne zu stehen, mit neuer Band, neuer CD und, wie er sagt, einem neuen Leben; dass sie ihn ermutigt haben bei Warner Music, seine Schubladen nach guten Songs zu durchstöbern und wieder ins Studio zu gehen; wie sie ihn aufgebaut haben, weil sie fest daran glauben, es gibt für ihn da draußen noch was zu holen, auch mit 68 Jahren.
An diesem Abend in einem kleinen Frankfurter Club, dem inoffiziellen Auftakt seiner geplanten Tournee, sind sie alle da, die an seinem Comeback mitarbeiten. Sie feiern ihren neuen Gunter Gabriel. Seine Cowboystiefel glänzen, aber der grau-blonde Hüne wirkt müde, geschlaucht und vielleicht gerade deshalb: extrem cool. “Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld” war vorgestern – der neue Gabriel gibt den Nachdenklichen, Geläuterten. “Ich war nicht immer ein Vorbild”, singt er, die Stimme immer noch tief wie Donnergrollen. Und dann: “Vor dir steht im Regen, was von mir übrig ist, du kannst es alles haben – ich geb’ den Rest für dich.”
Ich geb’ den Rest für Dich
Wenn das der Rest von Gunter Gabriel ist, dann: Kompliment. Viele Pop- und Rocksänger sind in seinem Alter noch mit ihren alten Hits unterwegs. Der Unterschied ist, dass dieser neue Gabriel scheinbar wenig gemein hat mit dem machohaften Country-Schlagersänger mit der schwarz-rot-goldenen Gitarre. Er covert “Haus am See” von Peter Fox so entspannt, dass ihm keiner vorwerfen kann, hier biedere sich ein alter Sack der Jugend an. “Creep” von Radiohead hat er umgedichtet in “Ich bin ein Nichts” und seinem Sohn gewidmet, aber Gram und öffentliche Selbstzerfleischung hören sich anders an. Die eigenen Stücke des neuen Gabriel vereinen den frischen Geist von Independent-Bands wie Element of Crime mit der Eingängigkeit deutscher Popballaden. Stil und Pose stehen ihm gut. Mit etwas Glück kann er damit nun auch die Enkel seiner treuesten Fans für sich gewinnen.
Lebemann und Provokateur
Am nächsten Morgen im Hotel: Auf dem schwarzen Ledersofa sitzt ein gut gelaunter Gunter Gabriel in dunkler Jeans und weißem Hemd. Die Cowboystiefel glänzen. Er wirkt aufgekratzt, kann sich den ein oder anderen anzüglichen Witz nicht verkneifen. Das ist nun wieder eher der alte Gabriel, der Lebemann, der Selbstdarsteller, der Provokateur. Der während des Interviews auf die Toilette geht und schon wieder vor einem steht, bevor die Hose ganz zugeknöpft ist. Der einen ungefragt duzt und sich nicht davon irritieren lässt, wenn er weiterhin gesiezt wird. Der seine vier Kinder als “Zufallsprodukte” bezeichnet, die entstanden sind, weil er “ein paar Mal einen Interruptus verpatzt” hat. Die alten Phrasen eben. Das wird sich ändern im Laufe dieses Gesprächs.
Gabriel erzählt aus seinem Leben, ein Leben, das in Bünde in Westfalen als Sohn eines Schrankenwärters begonnen hat und mit den ersten Akkorden auf der Gitarre seine entscheidende Wendung nahm. Er schwärmt davon, wie es war, mit seiner ersten Gitarre “in der Küche zu sitzen, die Akkorde anzuschlagen und dann zu spüren, wie es so schwingt und ganz und gar durch einen durchgeht”. Da war er 13 – und er kann sich so genau daran erinnern, weil er zu dieser Zeit anfing, Tagebuch zu schreiben. Warum Tagebücher? “Tja, warum?” Er macht eine kurze Pause. “Meine Jugend war ‘ne Katastrophe. Es gab auf die Fresse ohne Ende. Und wem konntest du es sagen? Ich konnte es nur meinem Tagebuch sagen.” Da habe er “reingeschrieben, was ich gefühlt habe, wenn ich einen Song geschrieben habe; wie ich gelitten habe, wenn ich verliebt war”. Er spricht ruhig und ohne große Gesten, den wuchtigen Oberkörper nach vorn gebeugt, den Blick zu Boden gerichtet.
Hey Boss – ich brauch’ mehr Geld
Nachdenklicher Gabriel
Es dauert, bis man an diesen Gunter Gabriel herankommt, bis er sich öffnet und seine nachdenkliche, selbstkritische Seite zeigt. Bis er erzählt, wie schwierig es ist, ein neues Image aufzubauen, ohne seine Herkunft zu verleugnen. Also Gunter Gabriel, den Country-Fuzzi? “Wenn ich das schon höre!” Die deutsche Country-Szene sei wegen Truck Stop und Tom Astor (für die er auch komponiert hat) “ziemlich am Boden, aber ich sehe diese Musik als Chance, engagierte Texte zu machen”. Für ihn erzähle Country die Geschichte vom Scheitern, von der Einsamkeit, Songs über die Härten des Lebens. “Ich habe natürlich auch schlappere Texte gemacht, aber ich befinde mich immer noch auf der Spur der Outlaws.”
Da passt es ihm sicher gut, wenn seine Autobiografie mit dem Untertitel “Erinnerungen eines Rebellen” seiner Ende 2009 veröffentlichten Autobiografie “doch ein bisschen zu dick aufgetragen”, sagt er. Da habe er mit den Verlagsleuten diskutiert, “denn rebellisch und Rebell sein sind zwei verschiedene Dinge”. Che Guevara, der sei ein Rebell gewesen. Er, Gunter Gabriel, habe lediglich seinen Mittelfinger gereckt, “um zu zeigen, dass ich dieses Spiel der Gesellschaft nicht mitspielen will”. 20 Anzeigen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt hat der selbst ernannte “Sohn aus dem Volk” im Laufe seiner wilden Jahre auf diese Weise gesammelt. Er nennt das – nicht ohne Stolz – den “klaren moralischen Faden, der sich durch mein Leben zieht”.
Falschen Freunden vertraut
Das Spiel des dekadenten Musikgeschäfts wiederum hat er gerne mitgespielt. Er verbrachte nach seinem Durchbruch als Komponist und Sänger gut zwei Jahrzehnte im Rausch: Partys, Frauen, Alkohol. Vier Kinder von vier Frauen, alle irgendwann sitzen gelassen. Falschen Freunden vertraut und Geld verloren, “ein paar schöne Millionen Mark” waren das damals. Um seinen Schuldenberg abzutragen, tourt er seit 2005 durch deutsche Wohnzimmer, wo er zum 60. Geburtstag von Dieter oder Silvia die alten Nummern bringt.
Gabriel hat keine Angst, darauf angesprochen zu werden, weder unter vier Augen noch in den Talkshows, in denen er jetzt wieder häufiger zu Gast ist. “Fakt ist”, sagt er, “dass mein Leben so gelaufen ist. Ich bereue natürlich das ein oder andere. Mit meinem heutigen Bewusstsein würde ich das auch nicht mehr machen, aber ich kann’s eben nicht rückgängig machen.” Dass er sich nicht richtig um seine Kinder gekümmert hat, macht ihn bis heute wütend und traurig. Er habe beim Psychiater Rat gesucht, warum er das nicht hingekriegt hat, mit einer Frau auf Dauer zusammenzuleben und für die Kinder da zu sein. “Und der sagte: Du hast das nie kennen gelernt, du hattest nie eine Familie.”
Gunter Gabriels Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Das sei schlimm gewesen, damals, “aber ich bin doch jetzt ein alter Sack, ich kann das doch nicht immer alles nur damit begründen, dass ich früher keine Mutter hatte …” – er hält kurz inne – “aber muss wohl so sein”.
Anekdoten-Maschine
So. Das reicht dann aber auch mit der Gefühlsduselei, “ich kann doch hier jetzt nicht so rumkitschen”, sagt er und richtet sich auf. Es scheint, als fühle er sich mit dieser neu entdeckten grüblerischen Seite – er würde vielleicht Softie-Rolle sagen – noch nicht so wohl, als halte er diesen neuen Gabriel nur wenige Minuten am Stück aus. Oder eben nur einen Auftritt lang.
Das zweite Clubkonzert am nächsten Abend ist ganz anders. Gunter Gabriel hat den ganzen Tag Interviews gegeben, Fernsehen, Radio, Zeitung. Die Anekdoten-Maschine läuft. Was er am Abend zuvor in wenigen, eindrücklichen Worten erzählte, ufert jetzt aus. Die Musik ist nicht zum Mitgrölen, aber er reckt die Faust, signalisiert: “Und jetzt alle.” Der Mitschunkel-Entertainer ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Er weiß das: “Auf einmal bin ich in einem Korsett drin, Zurückhaltung fällt mir schwer.” Da drängt sich die Frage auf:
Haben Sie keine Angst, wenn Sie im Herbst auf Tour gehen, dass alles wieder von vorne losgeht? Alkohol, Partys, Frauen?
Das reizt mich nicht mehr. Das hat mich noch nie gereizt.
Das sagen Sie heute!
Ist aber so. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, Anfang der 70er kriegte ich so eine goldene Irgendwas und meine Plattenfirma hat eine große Party gegeben. Alle waren da und haben gefeiert – nur ich nicht. Ich saß zu Hause auf dem Sofa und heulte.
Warum das?
Mein Psychiater – übrigens ein Freund von mir – sagte mir, ich kann eben mit Glück nicht umgehen. Du hast gesagt, ich hätte alles mitgenommen, Frauen, Partys und so, aber das war nicht so.
Ich bin jetzt etwas überrascht, weil Ihre Autobiografie sich so liest, als hätten Sie den Ruhm in vollen Zügen genossen.
Ich war damals in höchstem Maße übermütig. Ich konnte machen, was ich wollte in Berlin. Einmal bin ich mit ‘ner Kawasaki die Treppen hoch in eine Disco gefahren und habe eine Runde auf der Tanzfläche gedreht. Total bescheuert, aber die Leute haben applaudiert. Es war eine Zeit des Übermuts. Aber geprasst habe ich nie.
Aber Sie konnten auch nie genug bekommen. Sie hätten ja sagen können: Wir feiern ein bisschen und dann fahre ich nach Hause.
Vollkommen richtig, was du da sagst. Aber die Anerkennung hat wohl mir nicht gereicht, um Ruhe zu haben. Als ich auf dem Höhepunkt meiner so genannten Schreiberkarriere war und fünf, sechs Platten gleichzeitig in den Hitparaden hatte, da dachte ich, jetzt könnte ich endlich mal glücklich und zufrieden sein. Aber ich war es nicht. Nicht einmal, als ich den Jaguar und vier Harleys vor der Tür stehen hatte. Ich hatte alles – und war nicht glücklich. Das war erschreckend!
“Ich habe den Tod gesehen”
Heute, drei Jahrzehnte später, hat er Ruhe gefunden. “Vielleicht bin ich sogar glücklich jetzt”, sagt er. “Seit zwölf Jahren, seit ich auf diesem verdammten Boot lebe, geht es mir gut. Ich liege auf dem Wasser und brauche nichts mehr zu befürchten. Ich fürchte mich nicht einmal mehr vor dem Tod.” Das war nicht immer so. Die Einsamkeit sei ihm lange wie eine Strafe vergekommen. Heute ist er sich sicher: “Ich wäre nicht mehr am Leben, wenn ich nicht so viel alleine gewesen wäre.” Viel Zeit zum Nachdenken habe er gehabt. Und dann: zwei Herzinfarkte. “Ich habe den Tod gesehen”, sagt Gunter Gabriel, “und da habe ich gemerkt, dass ich leben will.” Ein gutes Leben führen, auf seine Weise.
Der Sänger könnte heute die Wände seines Hausbootes in Hamburg mit goldenen Schallplatten tapezieren, stellt aber lieber Bücherregale auf. Kästners Werk steht dort neben Hemingway, Paolo Coelho neben dem Sachbuch über die Ursachen der Finanzkrise. Auch das ist der Gunter Gabriel, der immer den Malocher gegeben hat, der im Restaurant die Füße auf den Tisch legt, dem heute gute Tischmanieren seiner Enkel wichtig sind, der so gerne Ordnung halten würde, sich aber eingestehen muss: “Ich krieg’s nicht hin”.
Widersprüchlich wird er bleiben, sagt er. Er sei zu impulsiv für dauerhafte Harmonie. Aber er ist bereit für ein neues Leben auf der Bühne. Dass vor dem Tourstart mit seinen neuen Songs noch drei Auftritte bei Trucker-Festivals anstehen, ist für Gabriel kein Anzeichen für einen Rückfall in die alte Rolle. Er sagt: “Truck Grand Prix am Nürburgring ist doch geil. Ich darf doch meinen roten Faden nicht verlieren.”

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