Mit den Worten “Hier, damit du mal gescheite Musik hörst” drückte mir mein Cousin im Jahre 1995 eine mysteriöse CD mit grauem Artwork in die Hand. Damals war ich gerade unschuldige zehn Jahre alt und mitten in meiner früh-pubertären Bravo-Phase. Meine Stars waren La Bouche und die Spice Girls. Meine Erfahrungen im Bereich der Rockmusik beschränkten sich bis dato auf das unverständliche Mitgröhlen einer Bruce-Springsteen-Platte und zwar rücksichtsloserweise immer genau dann wenn man mein Vater gerade Fußball gucken wollte. Irgendwann hatte ich aber mal erwähnt, dass ich “das Lied mit dem Pfeifen am Anfang” so toll fände.
Um mein musikalisches Wohl besorgt, hatte mir mein Cousin also genau diese CD gekauft. Ihr Name: “Crazy World” von einer deutschen Band namens The Scorpions. In kindlicher Erwartung legte ich besagtes Album in meinen CD-Player und hoffte auf dieses schöne Pfeifen. Nicht mit einkalkuliert hatte ich allerdings, dass ein Album nicht nur aus einem Song besteht und so blies mich die einsetzende Brettgitarre im Opener “Tease me, please me” fast aus meinem Kinderzimmer. Ich hörte ein Pfeifen, allerdings auf den Ohren.
Völlig fertig konsultierte ich meinen Vater und brachte gerade noch ein tränenersticktes “der hat mir die falsche CD gekauft” hervor. Irgendwann entdeckte ich dann auch Track 4, ein wunderschönes Lied namens “Wind of Change”, dass ich dann auch direkt zu meinem schmunzelnden Gitarrenlehrer trug. Den Rest der CD verwarf ich als “lautes Gekreische”. Heute im gestandenen Alter von 24 Jahren (die älteren Scorpions-Fans werden jetzt lachen) sehe ich das Ganze freilich etwas anders.
Was bleibt ist jedoch, dass die Scorpions bis heute eine Band sind, an der sich die Geister scheiden. Die einen verbinden die Scorpions, ähnlich wie der kleine Sebastian Bach, mit “Wind of Change”. Mit soften, Weltschmerz-geschwängerten Balladen, die ins Ohr gehen.
Die anderen berufen sich auf die frühen 80er-Jahre als die Scorpions mit Alben wie “Lonesome Crow” oder “Love At First Sting” die Welt des Hardrock revolutionierten und zu internationalen Superstars wurden. Bands wie Metallica und Bon Jovi spielten bei ihnen im Vorprogramm (!) Nach wie vor sie die erfolgreichste deutsche Band aller Zeiten und die Verkaufszahlen von “Tokio Hotel” kosten sie allenfalls ein müdes Lächeln.
Zwiitii
Doch was ist mit dieser Band passiert, die seit über 45 Jahren ein fester Bestandteil der deutschen Musiklandschaft ist? In den letzten Jahren machte man eher durch peinliche Playback-Auftritte, als durch geniale Musik auf sich aufmerksam. Aktuelle Interviews mit Klaus Meine und Rudolf Schenker wirken affektiert und irgendwie “fehl am Platz”. Früher spielte man bei “Rock in Rio”, heute bei Oli Geissen.
Hat diese einst so glorreiche Band durch die Kommerzialisierung ihre Richtung und ihren Erfolg verloren? Haben Musiker dieses Formats es eigentlich überhaupt noch nötig mit 62 auf der Bühne zu stehen und sich in Lederhosen zum Affen zu machen? Das 2000er-Album “Moment of Glory”, das eine Art “Best of”-Scheibe mit Unterstützung der Berliner Philharmoniker darstellt, ist zweifelsohne ein musikalischer Lichtblick. Hier sind echte Könner am Werk und wer die Herren an den Instrumenten hantieren sieht, der weiß, wie geil diese Band einmal war. Wohlgemerkt war. Vielleicht ist die Luft einfach raus. Vielleicht sind 45 Jahre einfach genug.
The Scorpions – “Rock You Like A Hurricane” mit den Berliner Philharmonikern
The Scorpions – “The Good Die Young” vom neuen Album “Sting In The Tail”
Betrachtet man die lange Geschichte der Scorpions aber mal als Ganzes, bleibt das musikalische Schaffen dieser Band für mich trotz allem unerreicht. Sie haben sowohl mich, als auch viele andere Musiker beeinflusst und zum Musik machen animiert. Keine deutsche Band hat jemals so viele Platten verkauft und ist international so renommiert. Auch die Verkaufszahlen ihrer im Mai startenden “Farewell”-Tour sprechen eine deutliche Sprache. Zusatztermine sind in Planung. Ich werde auf jeden Fall mit dabei sein.

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