Als Spross einer Hippie-Familie ist es John Baldwin Gourley gewöhnt, kritisch über den Zustand der westlichen Welt zu diskutieren. Aus den Songs seiner Band Portugal. The Man hielt der Musiker seine politischen Überlegungen zwar lange heraus. Doch das änderte sich, als die frühere Oberbürgermeisterin seiner Geburtsstadt Wassila plötzlich die politische Weltbühne betrat.
Sarah Palin heißt das Ex-Stadtoberhaupt, mit dem auch Wassila allseits bekannt wurde. Noch immer regt sich der zierliche Sänger über die Republikanerin auf, über deren Ansichten zu Waffenrecht, Zensur und Erziehungsfragen.
Auf dem jüngsten Album seiner Band, „American Ghetto“, setzt der Mittzwanziger sich nun auseinander mit der alten Heimat, die er 2004 für die Uni-Stadt Portland verließ. Düstere Erinnerungen an die Schulzeit arbeitet der Mann mit dem Rockfalsett auf: an Schießereien, bei denen frühere Klassenkameraden beteiligt waren, an Waffen und Drogen, die unter Wassilas Jugendlichen weit verbreitet waren, an alarmierende Selbstmordraten im nördlichen Bundesstaat. Es sind ungewohnt dunkle Texte für den Indierocker, den man bis dahin vor allem für eher persönlich gefärbte, hippieselige Inhalte kannte.
Dead Dog
Mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Alaska scheint Gourley vorerst fertig zu sein. „Ich bin froh, dass ich weg von dort bin“, resümierte er unlängst in einem Interview. Das eigentliche Zuhause seiner Band ist ohnehin ein roter Bus des Herstellers Dodge: Bei durchschnittlich 250 Konzerten pro Jahr ist die fünfköpfige Truppe dort am häufigsten anzutreffen.
Unterbrechungen gibt es im Grunde nur, wenn die Band wieder eins ihrer melodieprallen Retrorock-Alben aufnimmt. Auch „American Ghetto“, Opus Nr. 5, ist wieder voller melodischer Wendungen und eleganter Anleihen bei den psychedelisch gestimmten Beatles wie beim Spacerock der Siebziger. Frontmann Gourley erinnert mit seiner Kreidekehle wieder an einen Nahverwandten von Robert Plant.
Viele Songs verströmen bei aller Gegenwartsskepsis doch Euphorie, so die Antikriegsnummer „When The War Ends“ mit ihrem eingängigen Chorus oder der beschwingte Groover „The Dead Dog“.
When the war ends
Statt wie früher bündelweise Melodien in ein und denselben Song zu stopfen, hat sich die Band angewöhnt, etwas sparsamer mit ihren Ideen umzugehen. So bleibt mehr Luft zwischen den Takten – was die Sache etwas leichthändiger wirken lässt. Wenn die Nordlichter zudem ihre frisch entflammte Liebe für Synthie-Klänge und Drum-Loops ausleben, denkt man mitunter an Tanzflächenreifes à la Prince oder MGMT.
Auf der Bühne werden Portugal. The Man dann sicher wieder zur Jamrock-Band mutieren, die ihre Songs gern als wucherndes Retrorock-Freispiel auffasst. Geboren wurde die Lust an der Improvisation übrigens einst aus der Not heraus. Als das erste Deutschlandkonzert der Truppe anstand, hatten sich Gourley und Co. auf etwa 25 Minuten Spielzeit vorbereitet. Der Berliner Clubinhaber wünschte aber mindestens anderthalb Stunden, wie der Indierocker noch heute weiß. „Wir haben dann auf der Bühne versucht, unserer Intuition zu vertrauen, den Ideen der anderen genau zuzuhören und ihnen zu folgen“. Ein Crashkurs in Sachen Spontaneität, der für die Band stilprägend werden sollte.

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