Der Trick funktioniert doch immer wieder. Die musikalischen Wurzeln aufsuchen, den Rhythmus runterdrehen und dann ein paar Songs über existentielle Probleme wie den Tod, das Leben und den lieben Gott mit schön hingehauchter Stimme interpretieren: Schon macht sich selbst ein zum ewigen Tigersein verdammter Sänger auf ins altersgerechte Musikmachen.
So hat sich das Tom Jones wohl jedenfalls gedacht. Und mit “Praise & Blame” ein Album eingespielt, das den Bergarbeitersohn und Goldkettchenträger, den ehemaligen Staubsaugervertreter, den notorischen Frauenbeglücker, die “Sex Bomb” par excellence noch einmal ganz neu verorten sollte.
Die Ankündigung dieses Ansinnens löste nicht nur bei seinen meist weiblichen Fans eine kleine Krise aus. Der erste Testlauf mit dem neuen Tom Jones verursachte zudem einen Wutanfall beim Vize-Präsidenten seines Labels. Der schickte, als er im Frühling das neue Werk des gerade für ungefähr 1,5 Millionen britische Pfund von der Konkurrenz abgeworbenen Stars zum ersten Mal gehört hatte, eine E-Mail durch die Plattenfirmen-stuben, in denen er das Album als “kranken Witz” bezeichnete.
Abgemacht gewesen, so jammerte der Musikmanager, seien aufbauende, tanzbare, erotische Songs in der Tradition des Hits “Sex Bomb”. Abschließend fragte er erzürnt, wer auf die Idee gekommen sei, Jones mit einem “Folk-Produzenten” zusammenzubringen.
Im Zweifelsfall wohl der Künstler selbst, auf der Suche nach Ausdrucksformen, die seinem Alter angemessener sein mögen. Tom Jones hat schließlich am 7. Juni seinen 70. Geburtstag gefeiert und es sich verdient, nicht bis zu seinem Ende Höschen älterer Damen aufsammeln zu müssen.
Did Trouble Me
Dass er darauf keine rechte Lust mehr hatte, bewies er bereits vor zehn Jahren. Jones umgab sich mit einigen damals angesagten Popmusikern, sang New-Wave- und Punk-Songs, ließ sich vom Frankfurter House-Produzenten Mousse T. zeitgemäß aufhübschen und ironisierte mit dem Hit “Sex Bomb” überzeugend das eigene Image. Aus dem abgehalfterten Tiger, der selbst in Las Vegas kaum noch ein Bein auf eine Showbühne gebracht hatte, wurde plötzlich wieder ein moderner Popstar.
So ging es fröhlich weiter, die Produzenten wurden immer angesagter, die Duettpartnerinnen immer jünger und irgendwann hatten sogar die älteren Damen die Ironie verstanden und warfen wieder Höschen.
Zeit für eine weitere Wandlung, hat sich Jones gesagt. Doch ganz so radikal, wie man hätte erwarten können, ist der Stilwechsel diesmal nicht ausgefallen. Die “Sexbomb” und ihre modernen Dance-Beats sind zwar völlig verschwunden. Stattdessen versucht Jones immer wieder zu klingen wie der späte Nick Cave oder auch der späte Neil Diamond, als sie von Rick Rubin produziert und auf das Allernötigste reduziert wurden.
What Good Am I?
Sehr offensichtlich daran orientiert sich nicht nur das Klangbild von “Praise & Blame”, sondern auch die Themenauswahl mit Songs über Selbstzweifel (“What Good I Am?”), Religiosität (“If I Give My Soul”) und Sterben (“Ain’t No Grave”). Aber es ist eine gelungene Wandlung, denn Jones’ Stimme kann das natürlich, dieses dunkle, sonore, bedeutungsschwangere Grummeln.
Diese Mutation zum altersangemessenen Troubadour ist allerdings nur halbherzig. Unterbrochen wird sie immer wieder von Aufregungs- und Temposteigerungen, die dann aber in Form von erdigem Blues (“Lord Help”), sehr vorsichtigem irischem Pub-Geklimper (“Did Trouble Me”) oder auch nicht allzu euphorischem Gospel (“Strange Things”) absolviert werden: Genres also, die allgemein zwar als so ehrwürdig gelten, dass man als Musikant mit ihnen alt werden darf, die aber auch noch eine gewisse Restvirilität vorweisen können.
Lord Help
Das war Jones wohl wichtig. Das Album, mit dem Tom Jones endlich so klingen wollte, wie er aussieht, wenn er morgens in den Spiegel sieht, endet dann doch mit einem flotten Gitarren-Riff und einem Song, der “Run On” heißt. Tom Jones mag 70 Jahre alt sein, aber reif für die Rente – so weit ist er dann doch noch nicht.

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