So exzentrisch sich Björk oft auch kleidet, in ihrer Heimat will die kleine, zierliche Isländerin eigentlich nie auffallen. Im Sommer, wenn die Hauptstadt Reykjavík voller Touristen ist, sieht man sie nur selten in ihrem Lieblingsclub oder auf Ausstellungseröffnungen. Die 44-jährige Musikerin lebt einen Teil des Jahres in New York. Island, mit seinen gerade mal 320 000 Einwohnern, ist ihr Hafen, wo sie zur Ruhe kommen kann – und nicht ständig angestarrt wird.
Seit sie aber im Juli gemeinsam mit Gleichgesinnten zu einer Pressekjonferenz in Reykjavík lud, ist Björk fast täglich in den Medien. Vor drei Wochen forderte sie das isländische Parlament auf, den Deal des kanadischen Konzerns Mama Energy mit der isländischen Erdwärme-Firma HS Orka platzen zu lassen. Würde das Geschäft wie bisher geplant zustande kommen, wäre das ausländische Unternehmen der größte Anteilseigner des Geothermie-Kraftwerks im Südwesten Islands.
Die heimischen Bodenschätze zu verscherbeln, um die Finanzlöcher nach dem Bankenkollaps zu stopfen, das ist aus Björks Sicht nicht nur zu kurz gedacht, das tut ihr in der Seele weh. „Mama Energy hätte für die nächsten 65 Jahre Zugang zu einigen unserer wichtigsten Naturschätze. Mit einer optionalen Verlängerung auf 65 weitere Jahre. 130 Jahre!“, warnte Björk.
Seit dieser Pressekonferenz schauen die Isländer, schaut die Presse genauer hin. Eine Bürgerbewegung ist entstanden und wächst täglich. Der Chef des kanadischen Konzerns, Ross Beaty, fühlt sich von der Sängerin und der isländischen Öffentlichkeit missverstanden, er wolle dem Land doch helfen. Die Bürgerbewegung ist überzeugt, dass der Konzern den angeschlagenen Inselstaat ausnutzen wolle, indem er kostbare Ressourcen billig aufkaufe.
Björk kündigt Nattura an
„Wir wurden direkt nach dem Bankenkollaps davor gewarnt, dass dies passieren würde“, sagte Björk im Interview mit The Reykjavík Grapevine. Das englischsprachige Magazin ist eines der wenigen unabhängigen Medien auf der Insel und verfolgt den Verkauf von HS Orka schon seit einem Jahr. Bei Grapevine wird auch ein Briefwechsel zwischen Beaty und Björk abgedruckt. Sie schreibt: „Ich bin so aufgebracht, dass ich noch nicht mal arbeiten kann. Wenn ich die Natur bedroht sehen, greift das meinen Gerechtigkeitssinn an, mein tiefstes Inneres.“ Schon früher sagte die Musikerin, sie sei so patriotisch, dass es manchmal schmerze.
Björk Guðmundsdóttir kommt aus einer Familie von Protestlern – ihr Vater Guðmundur ist ein bekannter Gewerkschaftsführer, ihre Mutter Hildur ging 2002 sogar in einen fast vierwöchigen Hungerstreik, um gegen den Bau von Europas größtem Staudamm zu demonstrieren, der später dann doch im Osten Islands in ein unberührtes Naturgebiet gebaut wurde: Der Kárahnjúkar-Staudamm ist heute ein Koloss von 195 Metern Höhe, das dazugehörige Kraftwerk erzeugt Strom, aber nicht etwa für die Isländer, sondern für die Aluminiumschmelze des US-Konzerns Alcoa.
Islands Energiereichtum ist Segen und Fluch zugleich. Zwar sprudeln überall im Land die Quellen, aber Erdwärme und Wasserkraft kann man nicht wie Erdöl in Tanker füllen und in andere Länder exportieren. Also müssen die Isländer ihre Energie vor Ort nutzbar machen. Die Regierung will Unternehmen ins Land locken, die große Datenspeicher haben und daher von günstigem Strom abhängig sind.
Björk – Nattura
Björk selbst hungerte zwar nicht, nutzte ihre Berühmtheit aber immer wieder, um Aufmerksamkeit für den Schutz der isländischen Natur zu wecken. So organisierte sie mit ihrer Initiative „Náttúra“ (Natur) im Sommer 2008 ein gleichnamiges Protestkonzert, das jeder zehnte Isländer besuchte. Außerdem gründete sie einen Fonds, der nachhaltige Start-ups fördert.
Knapp eine Woche nach dem Finanzcrash, im Oktober 2008, sagte sie auf einem Workshop: „Ich denke, dass es in diesen Zeiten wichtig ist, die Menschen daran zu erinnern, den Reichtum ihrer Natur nicht in der gleichen Weise auszubeuten, wie sie es mit dem ökonomischen Wohlstand getan haben.“
Nach Ansicht der Bürgerbewegung rund um Björk passiere nun genau das. Und der Protest der vergangenen drei Wochen zeigt seine Wirkung: Regierungschefin Jóhanna Sigurðardóttir hat ein Komitee beauftragt, das nun prüft, ob der Verkauf von HS Orka rechtens wäre. Denn eigentlich dürfen laut isländischem Investmentrecht Firmen außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums keine Mehrheit an einem Energieunternehmen besitzen. Der kanadische Konzern, der sich bisher schon einige Anteile gekauft hat, gründete extra eine Tochterfirma in Schweden, um das zu umgehen und würde bald über 98 Prozent von HS Orka innehaben.
Seit Mitte Juli haben rund 16 000 Isländer eine Petition unterschrieben, in der sie die Regierung auffordern, nicht nur gegen den Verkauf zu stimmen, sondern auch ein Referendum über den Umgang mit den Naturressourcen abzuhalten. Es geht um die Grundsatzfrage: Wer darf über die Natur Islands bestimmen?
Björk sagte der Financial Times, die Isländer riskierten, sich selbst zum „Dritte-Welt-Sklaven“ zu degradieren, wenn sie die Kontrolle über ihre geothermalen Kraftwerke aufgäben. Stattdessen sollten sie wie früher in öffentlicher Hand bleiben. In den Boomjahren hatte die konservative Regierung den Energiesektor teilweise privatisiert.
Nun muss sich die neue Regierung damit herumschlagen – die Koalition der Sozialdemokraten und Links-Grünen ist jetzt schon innerlich zerrissen. Die Links-Grünen sind gegen den Deal, einige Abgeordnete drohen sogar damit, die Koalition platzen zu lassen, sollte der weitere Verkauf von HS Orka zustande kommen.
In Island kann alles passieren. Erst vor wenigen Wochen wurde der berühmteste Komiker Islands zum neuen Bürgermeister von Reykjavík gewählt. Jón Gnarrs Partei war anfangs ein Spaßprojekt, doch die Isländer waren so frustriert vom alten Politsystem, dass sie Besti Flokkurinn („Die beste Partei“) die Mehrheit der Stimmen gaben. Gnarrs Frau ist übrigens Björks beste Freundin Jóga, der sie mal einen Song widmete.
Man kennt sich seit über 20 Jahren, sie alle waren Teil der Punkszene. Sollte die aktuelle Regierung auseinander brechen, könnte Björk ja ebenfalls eine Partei gründen und Premierministerin werden. Dann wäre die neue politische Macht ganz in der Hand von Künstlern.

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