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In Würde altern

2010.05.14_Scorpions_aufKlaus Meine hat Recht: In einem Interview erklärte der Sänger kürzlich, dass es besser sei, jetzt aufzuhören und nicht wie Jopie Heesters noch mit hundert die Bühne zu rocken. Regierungen werden abgewählt oder gestürzt, Politiker werden zurückgetreten, die Scorpions aber, eine deutsche Institution von Weltrang, wollen in Würde altern und verabschieden sich. Sollten sie das wirklich schaffen und nicht unter fadenscheinigen Vorwänden – Rente aufbessern, Steuerschulden begleichen, Fans beglücken – wieder das Rampenlicht suchen, dann wäre ihnen in der Tat geholfen. Genug ist schließlich genug. Auf ihrer Weltabschiedstournee traten sie nun auch in der Frankfurter Festhalle den geordneten Rückzug an. (Foto: Alex Kraus)

Gerade noch rechtzeitig. Denn Rudolf Schenker, Gründungsmitglied von 1965, ist einfach zu alt, um als Pirouetten drehender Gitarrenderwisch die Bühne rauf und runter zu laufen. Auch Bassist Pawe Mciwoda, wiewohl erst seit 2003 dabei, kann nicht als mitreißendes Energiebündel gelten, gehören Tieftöner doch traditionell zu den Typen, die es eher ruhig angehen lassen. Matthias Jabs spielt seit 1978 eine ordentliche Leadgitarre, allerdings gibt er sich vollkommen unbeeindruckt von allem, was die großen Modernisierer seit Eddie VanHalen in den letzten 30 Jahren vorgelegt haben. Und James Kottak weiß durch ein beeindruckendes Workout am Schlagzeug zu gefallen, der Bauchansatz aber zeichnet sich deutlich ab.

Immer noch beweglich

Bleibt also noch Klaus Meine. Seine Stimme hat scheinbar unbeschadet die Jahrzehnte überdauert. Sie klingt immer noch so jugendlich und unbekümmert wie am ersten Tag, kräftig und beweglich. Ihr Tonumfang ist – nach einer Stimmbandoperation 1981 – sogar noch gewachsen. Und während die übrigen Mannen etwas gelenksteif ihr Bühnenterrain besetzen, fällt der am 25. Mai seinen 62. Geburtstag feiernde Meine durch seine geschmeidigen und raumgreifenden Bewegungen auf. Meine ist eine überaus präsente Erscheinung. Anders gesagt, ohne ihren Sänger wären die Scorpions eine (kunst)handwerklich sauber aufspielende Rockband, und sie wären schon lange nicht mehr, was sie vielleicht einmal waren: lebendig.

2010.05.14_Scorpions_picSelbstverständlich müssen die Scorpions auf ihrer “Tour 2010″ das neue und wahrscheinlich auch letzte Album “Sting In The Tail” vorstellen. Und so geht es in Frankfurt nach einem kleinen Intro gleich mit dem Titelsong zur Sache, später folgen noch “Raised On Rock” und “The Good Die Young”. Aber weil sich die Hannoveraner Band auch auf einer Abschiedstournee befindet und gewissermaßen geordnete Verhältnisse hinterlassen will, wird noch einmal das umfangreiche Inventar geplündert. Dabei kommt ein über die Zeit gewachsenes Repertoire zum Vorschein, das nicht anders als klassisch zu bezeichnen ist: Es reicht von ” Is There Anybody There” über “Holiday” und “Send Me An Angel” bis zu “Big City Night”.

Und selbst die etwas gefühligeren, auch Powerballaden genannten Kompositionen wie “Still Loving You” haben in diesem Konzert ihren Platz. Man kennt sie alle irgendwie, hat sie wenigstens schon mal aus der Ferne gehört.

Die Scorpions geben noch einmal alles. Und so folgt in der Zugabe das unvermeidliche “Wind Of Change” – der Song wurde zum weltbekannten Soundtrack nicht nur der Perestrojka, sondern vor allem des Mauerfalls. Tja, was soll man da noch sagen? Die Scorpions liefern eben auch staatstragendes Schwermetall. Sie waren und sind in der Welt bekannt und bleiben doch immer eine deutsche Staatsrockband.

Zeit also für ein kleines politisches Feuilleton: So wie bei der ersten ordentlichen Abwahl einer Bundesregierung, der Abwahl Helmut Kohls, nachdem die deutsche Einheit in geordneten, wenn auch nicht immer glücklichen Bahnen verlief, können die Scorpions zufrieden die Bühne verlassen, da sie ihre Mission erfüllt haben. Rockpolitisch ist das ein Datum von größter Bedeutung. Was einst mit dem “Mantel der Geschichte” beschworen wurde, lassen die Scorpions noch einmal als “Rock You Like A Hurricane” über die Bühne wehen.

Und so fegen sie ihr Frankfurter Publikum in die Nacht. Ein würdiger, ein tapferer Abschied.

The Good Die Young

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Text: Christian Schlüter

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