Jeff Bridges (60) kann sich Hoffnungen auf den Oscar für seine Hauptrolle im Film Crazy Heart machen. Die Konkurrenz bei der Filmpreis-Gala in der Nacht zum Montag ist zwar stark: George Clooney (“Up in the Air”), Colin Firth (“A Single Man”), Morgan Freeman (“Invictus”) und Jeremy Renner (“The Hurt Locker”) sind ebenfalls nominiert.Als Favorit gilt aber Bridges. In Los Angeles geboren, war er schon Schauspieler, ehe er laufen konnte. Seit 1969 drehte er fast jedes Jahr einen Film, oft sogar zwei oder drei. Für “Crazy Heart” erhielt er seinen ersten Golden Globe – auf den Oscar wartet er noch.
Mr Bridges, wie haben Sie von Ihrer Oscar-Nominierung gehört?
Ich lag im Bett. Meine Agentin hat mich angerufen und geweckt.
Haben Sie sich trotzdem gefreut?
Natürlich – es tut gut, wenn sich Leute vor deiner Arbeit verbeugen, die wissen, worauf es ankommt. Außerdem verschafft der Oscar “Crazy Heart” die Aufmerksamkeit, die der Film verdient. Eine Zeit lang sah es nämlich danach aus, als würde er nur auf DVD erscheinen.
Sie waren schon fünfmal für den Oscar nominiert. Wie ist die Nacht der Verleihung?
Mir macht sie Angst. Ich weiß nicht genau, warum. Das ist eine sehr gefühlsgeladene Veranstaltung. Man geht die Treppe herunter. Die Scheinwerfer sind auf einen gerichtet. Fragen schwirren einem durch den Kopf: Was sage ich, wenn ich tatsächlich gewinnen sollte? Wie vermeide ich, jemanden bei der Danksagung zu vergessen? Es gibt viele gute Gründe, angespannt zu sein.
Bereiten Sie eine Rede vor?
Nein, nein, das mache ich lieber spontan.
Wird sich Ihr Leben ändern, wenn Sie den Oscar endlich gewinnen?
Vielleicht. Leben besteht aus Veränderung. Früher haben immer alle gesagt, dass ich unterschätzt werde. Mit der Zeit habe ich gelernt, die Freiheiten dieses Status zu genießen. Damit wäre es dann natürlich vorbei.
Was hat Sie gereizt an der Rolle des Country-Sängers Bad Blake?
Ich liebe es, Musik zu spielen. Dazu bot der Film viel Gelegenheit.
Haben Sie noch mehr mit Bad Blake gemeinsam?
Wir haben beide ein Bedürfnis nach Intimität, wobei ich mehr Glück hatte als Bad. Bad ist viermal geschieden. Ich bin seit 33 Jahren verheiratet. Was Bads Trinkerei angeht: Ich bin sicherlich kein Alkoholiker, aber auch ich bin schon sturzbesoffen eingeschlafen und am nächsten Tag mit einem Kater aufgewacht. Insofern kann ich nachvollziehen, wie er sich fühlt. Aber das wichtigste ist sicherlich die Liebe zur Musik.

Jeff Bridges und Maggie Gyllenhaal
Wann begann diese Liebe?
Als kleines Kind habe ich Klavierstunden gekriegt. Leider hat meine Mutter gehört, wie ich mich darüber beschwert habe: “Ich will nicht Klavier spielen. Ich will nach draußen gehen und spielen.” “Gut”, hat sie gesagt, “aber du wirst es eines Tages bereuen.” Sie hat Recht gehabt. Heute würde ich mir wünschen, ich hätte damals mehr getan. Mit 13 oder 14 habe ich dann angefangen, E-Gitarre zu spielen. Mein Bruder hatte sich eine gekauft, die ich ihm klaute. Seitdem habe ich immer Gitarre gespielt – mit Freunden oder allein.
Mögen Sie Country überhaupt?
Ich mag alle möglichen Arten von Musik. Country gehört zu einer Suppe aus unterschiedlichen Traditionen, die in Amerika zusammengeflossen sind: Irische Folk-Songs, Polkas und so weiter. Auch Jazz und Blues gehören dazu. Im Drehbuch gibt es eine Szene, die wir nicht gedreht haben, weil uns das Geld ausgegangen ist, in der Bad mit jungen Musikern spielt. Einer sagt: “Das ist aber kein Country.” Und Bad sagt daraufhin: “Ach, Country ist doch nur der Blues des weißen Mannes.” Das ist ein starker Satz, finde ich.
Wären Sie lieber Musiker geworden als Schauspieler?
Es gab einmal eine Zeit, da war Musik eine echte Alternative. Ich habe auch mit dem Gedanken gespielt, Maler oder Fotograf zu werden. Aber schließlich bin ich doch bei der Schauspielerei geblieben.
Warum?
Mein Vater Lloyd Bridges war Schauspieler. Er hat das Show-Geschäft geliebt. Er wollte, dass seine Kinder auch einsteigen. Ich habe meinen ersten Film gedreht, als ich vier Monate alt war. Mein Vater hat mich als Kind gedrängt, neue Rollen anzunehmen: “Dann musst du nicht zur Schule gehen. Von der Gage kannst du dir Spielzeug kaufen.” Damit hat er mich geködert. Später habe ich mich dagegen gewehrt. Ich wollte meine eigenen Entscheidungen treffen. Aber letztlich bin ich den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Ich bin ein Ergebnis der Vetternwirtschaft.
Haben Sie diese Entscheidung jemals bereut?
Nein. Ich habe mir damals überlegt, dass ich meine anderen Interessen ja in meine Filme einbringen kann. “Crazy Heart” ist dafür ein gutes Beispiel.

Jeff Bridges und Robert Duvall
Ihre berühmteste Rolle ist immer noch der Dude aus “The Big Lebowski”. Was würde der Dude von “Crazy Heart” halten?
Er würde den Film genießen, glaube ich.
Sind die Szenen auf der Bowlingbahn eine Hommage an ihn?
Als wir dort drehten, haben viele zu lachen angefangen, weil sie genau das dachten. Scott Cooper, der Regisseur und Drehbuchautor, hat gefragt, was los sei. Er hatte “The Big Lebowski” nie gesehen.
Interview: Serge Debrebant

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